Leichenromantik: „Ein Aas“ von Charles Baudelaire

Ich finde es schade, dass Gedichte über keinen allzuguten Ruf verfügen. Die meisten Menschen erachten sie als langweilig, uninteressant, vielleicht gar als spießig oder anstrengend zu lesen.
Und ja, in den meisten Fällen muss ich leider zustimmen. Gedichte können bisweilen abschreckend sein, allein schon aufgrund ihrer Form: Die Zeilen sind kurz und füllen die Seite nicht aus; in die wenigen Worte, die dort geschrieben stehen, muss viel hinein interpretiert werden; und darüber hinaus können Dinge, die sich reimen, sehr nervig sein.

Auch mir fällt es teilweise schwer, Gedichte zu lesen, denn sie benötigen viel Geduld. Als ich mir damals den Gedichtband „Die Blumen des Bösen“ von Charles Baudelaire kaufte und zu lesen begann, habe ich die meisten Texte nur überflogen, weil sie mir einfach zu anstrengend waren – und mir deshalb größenteils als langweilig erschienen. Texte, die man nicht auf Anhieb versteht, und die man deshalb mehrfach lesen muss, verlieren schnell ihren Reiz.

Mittlerweile hat sich meine Einstellung ein wenig geändert. Nicht, dass ich ein großer Gedichte-Fan geworden wäre, aber es existieren durchaus Texte, die mir Spaß machen zu lesen. „Die Blumen des Bösen“ gehören dazu (wenn auch nicht jedes dieser Stücke), und auch von einigen Gedichten Goethes bin ich mittlerweile sehr angetan.
Wobei sich meine Vorliebe dabei auf die – ich sage mal dunkle Lyrik – bezieht. Also auf Texte über Geister, über den Tod, über das Grauen. Oder aber auf naturverbundene Werke, solange diese nicht allzu kitschig ausfallen.

„Die Blumen des Bösen“ lese ich nun zum dritten Mal (innerhalb eines Zeitraumes von weit über zehn Jahren), und mittlerweile fällt mir das Lesen sehr viel einfacher. Das ist bei Gedichten und generell bei älteren Texten meistens so: Aufgrund ihrer altmodischen Art sind sie beim ersten Mal schwierig zu erfassen, aber wenn man sie noch einmal studiert und weiß, was einen erwartet, dann sind die anfänglichen Schwierigkeiten meistens verschwunden.


Nun aber genug der allgemeinen Vorrede. „Les Fleurs du Mal“ (so der Originaltitel) ist eine Ansammlung von Gedichten, die sich mit menschlichen und gesellschaftlichen Abgründen beschäftigt, mit dem Tod und auch mit mythologischen Gestalten, allen voran Satan. So wurde dieses Buch denn auch in seinem Erscheinungsjahr 1857 sogleich als „obszön und gotteslästerlich“ verboten. Erlaubt wurde es erst wieder nach dem Zweiten Weltkrieg.

Baudelaire selbst war ein Lebemann der depressiven Art: In seiner Kindheit vom Stiefvater häufig gedemütigt, verprasste er sein späteres Erbe für Prostituierte, Alkohol und andere Drogen. Er verachtete die Massen, spottete über die Gesellschaft und war zugleich ein großer Bewunderer Edgar Allan Poes (Baudelaire war der erste, der Poes Werke ins Französische übersetzte). Er starb mit 46 Jahren an den Folgen einer Syphilis.

Das hier vorgestellte Gedicht handelt vom Tod. Nicht auf eine traurige oder bedrohliche Art, sondern eher aus einer interessierten Perspektive heraus: Der Protagonist dieses Stückes findet auf einem Spaziergang mit seiner Geliebten eine verwesende Leiche, und nimmt diese näher in Augenschein. Dabei beschreibt er die Einzelheiten der Fäulnis, aber ohne Abscheu oder Ekel. Eher nach Art eines Gerichtsmediziners, der eine gewisse Faszination für den Leichnam empfindet.

Zum Ende hin weist er seine Geliebte darauf hin, dass auch sie einst tot sein wird – aber wieder kommt kein Wort der Trauer oder des Bedauerns über seine Lippen; der Tod wird als ein natürliches Ereignis angesehen, keine negative Emotion schwingt hier mit.

Was mir an diesem Gedicht gefällt, ist seine Morbidität bzw. die Faszination an derselben. Die verfaulende Leiche wird beinahe so beschrieben, als sei sie etwas Schönes; dem Text wohnt eine leichte Obszönität inne, gepaart mit einer gewissen Bewunderung. Irgendwie nekrophil, wenn auch nicht auf eine körperliche Art.

 

„Ein Aas“
von Charles Baudelaire
Denkst du daran, mein Lieb, was jenen Sommermorgen
Wir sahn im Sonnenschein?
Es war ein schändlich Aas, am Wegrand kaum geborgen
Auf Sand und Kieselsteinen.
Die Beine hochgestreckt nach Art lüsterner Frauen,
Von heißen Giften voll
Ließ es ganz ohne Scham und frech den Leib uns schauen,
Dem ekler Dunst entquoll.
Die Sonne brannte so auf dies verfaulte Leben,
Als koche sie es gar
Und wolle der Natur in hundert Teilen geben,
Was sie als eins gebar.
Der Himmel blickte still auf dies Gefaule nieder,
Wie er auf Blumen schaut.
So furchtbar war der Dunst, dir schauderten die Glieder
Von Ekel wild durchgraut.
Die Fliegen hörten wir summend das Aas umstreichen
Und sahn das schwarze Heer
Der Larven dichtgedrängt den faulen Leib beschleichen,
Wie ein dickflüssig Meer.
Und alles stieg und fiel aufsprudelnd, vorwärtsquellend
Nach Meereswogen Art,
Fast schien’s, als ob dem Leib, von fremdem Leben schwellend,
Tausendfach Leben ward.
Und seltsame Musik drang uns von da entgegen,
Wie Wind und Wasser singt,
Wie Korn, das in dem Sieb mit rhythmischem Bewegen
Die Hand des Landmanns schwingt.
Die Formen ausgelöscht wie Träume und Legenden,
Entwürfe stümperhaft,
Die halbverwischt die Hand des Künstlers muss vollenden
Aus der Erinnerung Kraft.
Und eine Hündin lief unruhig dort hinterm Steine,
Uns traf ihr böser Blick,
Erspähend den Moment, zu reißen vom Gebeine
Das aufgegebne Stück. –
Und doch wirst einstmals du dem grausen Schmutz hier gleichen,
Dem Kehricht ekelhaft,
Du meiner Augen Licht, du Sonne ohnegleichen,
Stern meiner Leidenschaft.
Ja, so wirst du dereinst, o Königin der Güte,
Nach letzter Ölung sein,
Wenn du verwesend liegst tief unter Gras und Blüte
Bei schimmelndem Gebein.
Dann, Schönheit, sag‘ dem Wurm, der dich zerfleischt mit Küssen,
Wie treu ich sie gewahrt
Die Göttlichkeit des Wesens, das zersetzt, zerrissen
Von meiner Liebe ward.

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