Die Peripherie der Musik

Wer sich ein Album in physischer Form beschafft, also auf Schallplatte, Kassette oder auf CD, der bekommt in der Regel nicht nur die reine Musik an sich geboten, sondern er bekommt mehr. Und um dieses „mehr“ soll es im folgenden Artikel gehen.

Ich selber bin seltsamerweise nie auf die Idee gekommen, mir Alben auf Vinyl zu kaufen. Eigentlich würde es zu mir passen, aber irgendwie ist dies nicht geschehen. Ich kann allerdings vollkommen nachvollziehen, wenn Vinyl als höchster Genuss in Sammlerkreisen angesehen wird. Einen Kassettenrekorder besitze ich ebenfalls nicht, stattdessen kaufe ich mir CDs. Angefangen habe ich mit zwölf, ein Ende ist wohl nicht in Sicht (es sei denn, die Produktion wird irgendwann eingestellt).

Wenn ich also ein neues Album meiner Sammlung hinzufüge, dann empfinde ich schon bloße Vorfreude beim Halten der Verpackung in meinen Händen. Meine Augen heften sich auf das Coverbild, erkunden dann die Rückseite. Als nächstes wird die CD herausgeholt und in den Player gelegt, anschließend wird zum Klang der Musik das Beiheft studiert.

Beihefte, Booklets, sind äußerst wichtig. Sie runden das musikalische Erlebnis ab, machen es komplett, fügen ihm neue Dimensionen und Einsichten hinzu. Enttäuschend finde ich Alben, denen nichts anderes als ein simpler Einleger beiliegt, mit dem Cover auf der Vorderseite und vielleicht den Namen der Bandmitglieder auf der Rückseite. Sonst keinerlei Informationen, Bilder oder sonstiges Artwork… so etwas empfinde ich als durch und durch enttäuschend und erscheint mir beinahe als unwürdig der Musik gegenüber.
Natürlich gibt es Bands, deren finanzieller Rahmen ein aufwendig gestaltetes Booklet nicht zulässt, und dafür habe ich Verständnis. Aber so man die Möglichkeit hat, sollte man seine Energie nicht nur in das eigentliche Werk stecken, sondern auch in die „begleitende Kunst“ (wenn mir diese Wortschöpfung erlaubt ist). Denn ein Album ist ein vielschichtiges Gesamtwerk, welches eben auch die Aufmachung der CD/LP/Kassette mit einschließt.

Besonders angetan bin ich von Beiheften, die nicht nur die Liedtexte enthalten (ich finde, das ist ein Muss), sondern darüber hinaus Erklärungen liefern, wie beispielsweise Entstehungsgeschichte der einzelnen Stücke, Intentionen des Künstlers, Hintergründe zum Album oder der Band allgemein. Wenn dies dann auch optisch passend umgesetzt wurde, mit entsprechender Farbgestaltung und/oder Bildern, dann bin ich zufrieden!

Um einige Beispiele zu nennen: Auf die Idee zu diesem Artikel bin ich durch das Beiheft von HETROERTZENs durch und durch okkultem Album „Exaltation of Wisdom“ gekommen. Nicht nur die Musik ist tiefsten Finsternissen entsprungen, auch die Lektüre des Booklets weckt Geister der dunkelsten Art. Neben okkulten Symboliken, die zugegeben nichts Außergewöhnliches im Black Metal sind, stößt man hier auf Sinnsprüche entlang der Texte, deren genauen Inhalte sich mir teilweise noch nicht erschlossen haben, die aber dazu führen, mich auch weiterhin auf intellektueller Ebene mit dieser Band zu befassen:

 

dav

 

Besonders begeistert hat mich aber die Tatsache, dass dieses Beiheft ein Vorwort besitzt, quasi eine Einführung in das kommende Werk. In diesem Vorwort teilen HETROERTZEN meine Ansicht, dass zur Musik nicht bloß das reine Hören gehört – böse Zungen könnten auch abfällig von konsumieren sprechen – sondern dass auch andere Aspekte zur Beschäftigung mit der Kunst gehören:

„This album is focused on the enlightment of all followers of darkness who are expecting not just to listen to Black Metal music, but who are searching in solitude for the discovery of the Approaching Mysterious Light that hides in the blackness and slowly grows inside us.“

Zugegeben, in diesem Zitat geht es nicht um Beihefte oder Cover, aber die Intention, über das reine Musikhören hinauszugehen, sollte klar sein.

Ein anderes gutes Beispiel stellt NARGAROTHs Klassiker „Black Metal ist Krieg – A Dedication Monument“ dar. Ausführlich habe ich mich darüber schon in einer Rezension ausgelassen, aber hier sei noch einmal erwähnt, dass im Booklet zu jedem einzelnen Lied ein erklärender Text vorhanden ist, in welchem auf teils sehr persönliche Art beschrieben wird, welche Gedanken und Emotionen zur Entstehung des jeweiligen Songs geführt haben. Außerdem haben wir hier ebenfalls wieder ein Vor- sowie ein Nachwort, in denen das Album in seiner Gesamtheit besprochen wird. NARGAROTH geben dem Hörer mit diesem Werk viel zu lesen, und ich finde, das gehört zu einem guten Album dazu.

Es ließen sich nun sicherlich noch hunderte an positiven Beispielen für eine gute Albumgestaltung aufführen, was aber den Rahmen dieses Artikels sprengen würde. Nur an einer CD möchte ich noch einmal deutlich machen, wie sehr ein Booklet vor allem die Atmosphäre beim Hören der Musik beeinflussen kann:

Zur Discographie des Dark Ambient-Projekts FLOWERS FOR BODYSNATCHERS gehört ein Album namens „Asylum Beyond“. Die Klänge sind selbstverständlich düster und verstörend, hin und wieder hört man undefinierbare metallische Geräusche oder altertümliche Musik. An sich reicht dies schon aus, um eine unheimliche Stimmung zu erzeugen, doch erfahren wir aus dem Beiheft, dass es in den USA der 60er-Jahre einen Antiquitätenhändler namens Ernest Semenov gab, welcher auf rituelle Weise seine Frau und seine beiden Töchter ermordete. Daraufhin wurde er in eine psychiatrische Anstalt eingeliefert, welche Anfang der 70er niederbrannte. Sämtliche Patienten und Ärzte kamen bei dem Feuer ums Leben, nur die Leichen Semenovs und seines behandelnden Arztes wurden nie gefunden. „Asylum Beyond“ ist nun die musikalische Umsetzung dieser Ereignisse, und das ganze Album wirkt gleich viel bedrohlicher (weil authentischer?), wenn man beim Hören diese Geschichte im Hinterkopf hat. Und die teils schwer definierbaren Fotos im Booklet, die alle in einer Nervenheilanstalt aufgenommen sein könnten, regen die Fantasie noch zusätzlich an.

Als wichtig erachte ich auch die Albumcover. Einige Titelbilder bleiben einem im Gedächtnis hängen, und man erblickt sie im geistigen Auge vor sich, sobald man die Musik hört. Mir ergeht es vor allem so bei „Kvass“ von KAMPFAR:

 

Kampfar - Kvass

 

Ich höre das Album und sehe diese Schneelandschaft. Ich fühlte mich in den tiefsten Winter hineinversetzt, sobald die Musik läuft, und ich weiß nicht genau, ob ich ebenso empfinden würde, wenn ich dieses Titelbild nicht kennen würde. Es ist ein Zusatz zur Musik, ein ergänzender Gedanke, eine weitere Dimension.

Ein Freund von mir erzählte mir einmal, dass es ihm ähnlich ergangen ist, als er sich vor vielen Jahren „Storm of the Light’s Bane“ von DISSECTION zugelegt hatte. Sobald das Into erklang, sah er den reitenden Gevatter Tod durch den Schnee auf sich zukommen, und er empfand dies damals als äußerst unheimlich, beinahe schon als bedrohlich:

 

Dissection - Storm of the Light's Bane

 

Ich wollte in diesem Artikel eigentlich noch auf einige andere Aspekte aus dem peripheren Bereich der Musik eingehen, wie etwa Band-Interviews, Rezensionen und auch auf die Bedeutung von Gerüchten und Legenden, merke aber gerade, dass dazu ein neuer Artikel notwendig sein wird.

Deshalb noch einmal abschließend zum Beiheft: Ist dieses aufwendig gestaltet, also hat der Künstler sein Herzblut nicht nur in die Musik, sondern auch in die sie begleitende Kunst gesteckt, so erreicht ein Album erst seine wahre Größe. Jeder hat selbst gewisse Bilder im Kopf, wenn er Musik hört, knüpft seine eigenen Assoziationen. Aber das Werk wird doch um einiges gewaltiger, wenn die Bilder und Assoziationen des Künstlers hinzukommen, sein Facettenreichtum wird dann beinahe unbegrenzt.

Besonders wichtig finde ich auch Hinweise zur Entstehung der Lieder. Wenn man weiß, dass ein Lied oder Album aus einem ganz bestimmten Grund heraus entstanden ist, dann packt es einen emotionaler, dann hört man nicht nur, man versteht auch. Solche Hinweise kann man auch aus Interviews herauslesen, aber wenn man sie selbst in Händen hält, wenn man sie als Teil des Werkes empfindet, welches gerade aus den Lautsprechern erklingt, dann kann dadurch eine tiefe Verbundenheit entstehen, die eine neue Dimension des Hörens eröffnet.

Ich finde, Booklets sind eine wichtige Bereicherung, genauso wie die tatsächliche Präsenz eines Albums im CD- oder Plattenregal. Musik ist dann nicht bloß virtuell, sondern sie wird greifbarer und gewinnt somit an Stärke. Musik erachte ich als die höchste Form der Kunst, und um diese Kunst so intensiv wie möglich zu erleben, sollte auch das physische Element nicht fehlen. Konzerte können ein solches physisches Element sein, aber ganz sicher auch die atmosphärisch durchdachte Gestaltung von Hüllen, Booklets und anderem Beiwerk – wie Stickern, Postern oder Holzboxen…

2 Kommentare zu „Die Peripherie der Musik

  1. Ein wunderbarer Artikel, der mir aus der Seele spricht. Wahrhafte Musik ist halt nur mehr als die Schallwellen, die unser Gehör empfängt. Sie definiert sich auch über andere Sinne des Hörers: sehen, fühlen / tasten, riechen, evtl sogar schmecken…

    Natürlich gibt es unzählige Beispiele für einfach leblos gestaltete Machwerke, welche man sich eigentlich auch ohne Weiteres als rein digitale Version zulegen kann, aber wahrhafte schwarze Kunst wird sich einem nur in ihrer Gesamtheit erschließen.

    Gute Bespiele wie Hetroertzen oder Dissection hast du ja bereits angeführt. Ich würde da noch so manche Editionen von Drudensang, Drengskapur, Wintarnaht, Runenwacht oder auch Oscult benennen wollen, die in ihren Sondereditionen mehr als sinnloses Beiwerk enthalten, sondern vielmehr Dinge, die die Musik förmlich spürbar machen…

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