Schöner Winter, tödlicher Winter: „Winternacht“ von Nikolaus Lenau

Im Zuge der Vorbereitungen zu meinem Winterartikel bin ich auf ein unsagbar stimmungsvolles Gedicht des österreichischen Schriftstellers Nikolaus Lenau (1802 – 1850) gestoßen, welches ich meinen Lesern nicht vorenthalten will.

In zwei Abschnitten werden hier die beiden Seiten des Winters aufgezeigt: Zunächst die schöne, romantische; dann die brutale, todbringende. Lenau vereint diese vermeintlichen Gegensätze, so wie es der Winter selbst tut. Er spricht von Ruhe und Naturverbundenheit, um im nächsten Moment von blutgierigen Wölfen und quälenden Stürmen zu berichten. Der Winter bringt Frieden und Aufruhr zugleich, sein Wesen ist ambivalent und entzieht sich somit jedweder einseitigen Betrachtungsweise.

 

***

 

„Winternacht“
von Nikolaus Lenau

I.

Vor Kälte ist die Luft erstarrt
Es kracht der Schnee von meinen Tritten,
Es dampft mein Hauch, es klirrt mein Bart;
Nur fort, nur immer fortgeschritten!

Wie feierlich die Gegend schweigt!
Der Mond bescheint die alten Fichten,
Die, sehnsuchtsvoll zum Tod geneigt,
Den Zweig zurück zur Erde richten.

Frost! friere mir ins Herz hinein,
Tief in das heißbewegte, wilde!
Dass einmal Ruh mag drinnen seyn,
Wie hier im nächtlichen Gefilde!

 

II.

Dort heult im tiefen Waldesraum
Ein Wolf; – wie’s Kind aufweckt die Mutter,
Schreit er die Nacht aus ihrem Traum
Und heischt von ihr sein blutig Futter.

Nun brausen über Schnee und Eis
Die Winde fort in tollem Jagen,
Als wollten sie sich rennen heiß:
Wach auf, oh Herz, zu wildem Klagen!

Lass Deine Todten auferstehn,
Und Deiner Qualen dunkle Horden!
Und lass sie mit den Stürmen gehn,
Dem rauhen Spielgesind aus Norden!

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