Black Metal & Winter – Brüder im Geiste

Während ich wohl vergeblich darauf warte, dass es in unseren Breitgraden endlich wieder einmal richtig schneit, lasse ich zumindest in meinem Kopf eine winterliche Landschaft entstehen und denke nach über diese schönste aller Jahreszeiten, in all ihren Facetten…

…und komme, beinahe wie von selbst, auf den Black Metal. Denn kaum eine andere Zeit des Jahreskreises findet solch einen Anklang in diesem musikalischen Kultgebilde, wie der Winter. Zwar beansprucht auch der Herbst gelegentlich einen gewissen Platz, und NARGAROTH haben allen vier Jahreszeiten ein Album gewidmet, aber dass der Winter dominiert, kann wohl nicht bestritten werden.

Umgekehrt ebenso – gibt es eine andere Form der Musik, die eine besondere Affinität zu irgendeiner Jahreszeit aufweist? Typische „Sommermusik“ oder dergleichen? In der Klassik gibt es Kompositionen vor allem über den Sommer und den Frühling, aber wenn man klassische Musik an sich hört, dann denkt man nicht automatisch an diese Zeiten. Während einem beim Hören von Black Metal sofort winterliche Attribute in den Sinn kommen – Kälte, Lebensfeindlichkeit, Schönheit…

Die Verwandtschaft liegt auf der Hand, wie die eben erwähnten Eigenschaften beweisen: Black Metal ist kalt, er ist keine Kunst der Wärme; Gemütlich- und Behaglichkeit sind Beschreibungen, die in keinster Weise auf ihn zutreffen. Klirrende Riffs, frostige Melodien – sozusagen der Winter in musikalischer Gestalt.

Und wie auch der Winter stehen viele Menschen dem Black Metal mehr negativ als positiv gegenüber. Denn Kälte mag nicht jeder, und auch wenn die meisten sich am Anblick verschneiter Landschaften erfreuen, so verfallen doch vor allem Autofahrer ins wilde Fluchen, wenn der erste Schneefall einsetzt. Denn der Winter lähmt – er lässt Staus auf den Straßen entstehen, lässt uns langsamer ans Ziel kommen und zwingt uns, mehr Zeit einzuplanen.

Aber ist das so schlimm? Sicherlich ist es ärgerlich, wenn man einen wichtigen Termin verpasst, aber was bedeuten denn diese winterlichen Verzögerungen? Der Winter verlangsamt unsere Welt, nimmt ihr das Tempo, bringt Ruhe in eine Lebensart, die manchmal (oder auch ständig?) viel zu hektisch ist und krank macht. Der Winter bietet Ruhe, bietet Heilung.

Und so wirkt er sich auch auf die Natur aus: Die Stürme von Frühling und Herbst, die Hitze des Sommers – von alledem können sich Wälder und andere Landstriche erholen; der Winter deckt sie zu, lässt sie schlafen, lässt sie neue Kräfte sammeln. Gleiches gilt für den Winterschlaf vieler Tiere, welche das einfühlsame Angebot des kalten Bruders ihrem Instinkt gemäß dankbar annehmen.

Bei uns Menschen sieht das anders aus. Denn unsere zivilisatorischen Errungenschaften lassen es kaum zu, dass wir Kraft schöpfen aus den Umarmungen der weißen Jahreszeit – vielleicht wollen wir diese auch gar nicht zulassen. Der Winter wird von vielen als schlecht empfunden, als ungemütlich oder gar als lebensfeindlich. Und gerade letzteres trifft ja auch zu, aber gleichzeitig bietet der Winter uns ebenso die Möglichkeit zur Regeneration, zur Kraftschöpfung, und ist somit zugleich – denn nichts hat nur eine Seite – lebensbejahend.

Mit dem Black Metal verhält es sich nicht anders. Viele stören sich an seiner Rohheit, an dem teils unprofessionellen Sound, an dem unverständlichen Gesang oder nur schon daran, dass man die Logos der einzelnen Bands kaum entziffern kann… Einigen mag – wenn wir jetzt von wirklich erhabenem Schwarzmetall sprechen – auch die Überlänge der Lieder nicht gefallen oder die Tatsache, dass viele Stücke eher monoton anmuten und daher kaum Abwechslung bieten.

Ja, zum Hören von Black Metal benötigt man Geduld. Sicherlich gibt es auch Bands, die eher kurze Lieder produzieren, doch Stücke, ich persönlich als „wirklichen“ Black Metal bezeichnen würde (ohne die anderen jetzt abwerten zu wollen), weisen zumeist eine gewisse Länge auf, verfügen über einen ausgedehnten Ein- sowie Ausklang und können nicht „einfach so“ mal schnell gehört werden – man muss sich auf sie einlassen. Sie können von daher auch nicht zu jeder beliebigen Zeit angehört werden; die eigene Stimmung sowie die der Umgebung müssen angemessen sein.

Genauso muss man sich auf den Winter einlassen. Anstatt sich aufs Frieren, auf den Matsch und die Verkehrsstaus zu konzentrieren, sollte man die positiven Aspekte in den Vordergrund stellen: Die Schönheit der Natur in ihrer weißen Gewandung, das Spiel der vom Himmel fallenden Flocken, die manchmal auch reinigende Kälte, die einen den eigenen Körper und das Leben selbst erst richtig spüren lässt. Man muss beim Winter – wie auch beim Black Metal – die vordergründige Mauer aus Negativität und Abschreckung erst überwinden, bevor man die wahre Schönheit seiner ihm eigenen Natur entdecken kann.

„Ich weiß nichts Schönres auf der Welt, als wenn ein Schnee vom Himmel fällt“ schreibt der Philosoph Carl Peter Fröhling, und Recht hat er. Aber das Erkennen dieser Schönheit kommt nicht von selbst, man muss es sich erarbeiten. Und wenn man sich etwas erarbeitet hat, so steigt der Wert dieser Sache ins Unermessliche, denn genauso sollte es sein – geschenkte Dinge sind nett und erfreulich, aber erst Dinge, für die man kämpfen musste, kann man wirklich wertschätzen und auch stolz darauf sein.

Wer also den Winter zu genießen gelernt hat, kann tiefen Stolz empfinden, wenn er durch den Schnee läuft. Denn es werden ihm Dinge offenbart, die anderen verborgen bleiben, die andere gar nicht erst sehen wollen oder können. – Nicht anders sieht es mit dieser hohen Kunst aus, die sich Black Metal nennt.

2 Kommentare

  1. Sehr toller Beitrag!
    „Man muss beim Winter – wie auch beim Black Metal – die vordergründige Mauer aus Negativität und Abschreckung erst überwinden, bevor man die wahre Schönheit seiner ihm eigenen Natur entdecken kann.“ -> Dem kann ich mich nur anschließen, denn so ging es mir mit dem Black Metal genauso. Es hat seine Zeit gebraucht bis ich mich einfand und zu schätzen wusste was ich da hörte. Oftmals bekomme ich zu hören „Wieso soll ich mir denn Musik anhören, an die ich mich erst gewöhnen muss?“ Und mir bleibt nichts anderes zu sagen als „Weil es sich lohnt!“, aber es mag einfach Menschen geben, die niemals etwas Schönes im Black Metal sehen – genauso wie sie den Winter immer hassen werden, egal wie schön er sein mag.

    Grüße,
    Räubertochter.

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