Eine Reise in schwarze Gefilde: „Nachtmeerfahrten“ von Simone Stölzel

„Denn je mehr man im Gefolge von Aufklärung und Industrialisierung das Geistersehen und den weithin grassierenden Aberglauben bekämpfte, ihn als lächerlich oder primitiv abkanzelte, desto entschiedener begannen die alten und neuen Gespenster die Literatur zu bevölkern.“

 

Dieses Zitat stammt aus einem wunderbaren Buch, welches ich mir vor Jahren einmal ausgeliehen, aber aus unerfindlichen Gründen nicht zuende gelesen hatte – nun musste ich es mir endlich kaufen und will an dieser Stelle darüber sprechen: Nachtmeerfahrten – Die dunkle Seite der Romantik von Simone Stölzel.

Wie der Titel verrät, behandelt diese Lektüre eine spezielle Form der Romantik, nämlich die Schwarze. Es handelt sich hierbei um ein Sachbuch, mit allerlei Verweisen auf dunkelromantische Texte und Dichter, mit Interpretationen, persönlichen Gedanken und jeder Menge Textauszügen sowie Abbildungen von Gemälden aus besagter Epoche.

Bevor ich jedoch ein wenig durch die Seiten stöbere, sollten vielleicht zunächst die Begrifflichkeiten erklärt werden – nicht, dass jemand meint, bei dem Wort Romantik würde es um kitschig-triefende Liebesschnulzen gehen…

Die Kunstepoche der Romantik (beginnend zum Ende des 18. Jahrhunderts) an sich beschäftige sich mit der Gefühlswelt des Menschen. Sie entstand als Gegenbewegung zur Aufklärung, welche mit ihren rationalen Ansichten dem Verstand den Vorrang gab und das Emotionale in den Hintergrund drängte.
Die Romantiker – seien es Schriftsteller, Maler oder Komponisten – schätzten das Gefühl höher als den Verstand, und erschufen darum Kunstwerke der besonders gefühlsintensiven Art.
Dazu gehörten zum einen natürlich Liebesthemen, aber auch alles andere, was große Leidenschaften hervorrief. So gab es etwa die Naturromantiker, in deren Werken vor allem die Naturverbundenheit und die damit einhergehenden Empfindungen im Vordergrund standen. Aber auch so etwas wie Kriegerromantik war möglich – ehrenvoll auf dem Schlachtfeld sterben, kämpfen für das Vaterland und dergleichen mehr heroisch Anmutendes.

Und selbstverständlich gab es jene Zeitgenossen, die sich mit Emotionen wie Angst, Wahnsinn, Schauder und Besessenheit auseinandersetzten – woraus die hier besprochene Schwarze Romantik hervorging.

 

Ernst Ferdinand Oehme: Prozession im Nebel

 

Die Nachtmeerfahrten behandeln diese Gattung auf besonders stimmungsvolle Art und Weise. Denn Frau Stölzel (der Vollständigkeit halber sei hier noch angegeben, dass sie Kulturwissenschaftlerin aus Berlin ist) hat kein stumpfes und trockenes Sachbuch geschrieben, sondern ein Werk geschaffen, welches der emotionsgeladenen Dunklen Romantik absolut würdig ist.

Wir finden hier keinen unüberschaubaren Wulst aus hochtrabenden Fremdwörtern und wissenschaftlich-komplizierten Analysen. Vielmehr hat man das Gefühl, dass die Autorin einfach von ihrer Leidenschaft erzählt, von ihrer Begeisterung für diese Form der Literatur. Natürlich gibt es Analysen, teils literarischer, teils psychologischer Natur, doch sind diese sehr leserfreundlich verfasst (was nicht bedeuten soll, dass irgendetwas an diesem Buch anspruchslos sei!) und machen Spaß, studiert zu werden.

Verschiedene Literarturexperten kommen zu Wort, seien es Kulturwissenschaftler der heutigen Zeit oder Romantiker von damals, wie etwa Friedrich Schlegel oder Jakob Grimm (denn auch die Märchen der Brüder Grimm stammen aus dieser Epoche). Hinzu kommen – und dies gefällt mir besonders gut – unzählige Textauszüge aus den verschiedensten Werken, sodass man auch in diesen Werken lesen kann, statt nur über sie.

 

Francisco de Goya: Viel lässt sich aussaugen

 

Gegliedert ist das Buch in fünf Kapitel:

 

I. Seelenfinsternisse

Den Anfang bildet verständlicherweise eine kurze Definition der Romantik an sich, doch dann geht es schnell hinab in dunklere Gefilde:

 

„Gerade die unheimlichen Geschichten hatten ihren eigenen Reiz, zeigten sie doch die unschönen, morbiden, abgründigen Seiten des Menschen, seine Ängste und Obsessionen, seine seelischen Nöte und Abwege. Diese dunklen Seiten der menschlichen Seele boten den romantischen Autoren und Autorinnen ein weites, beinahe unbearbeitetes Feld, und damit auch literarisches Neuland.“

 

Die ersten Schöpfer der Schwarzen Romantik werden dem Leser vorgestellt, so etwa der deutsche Autor E.T.A. Hoffmann (dessen bekannteste Erzählung Der Sandmann ich nur empfehlen kann) oder der englische Dichter Lord Byron (der im übrigen befreundet war mit Mary Shelley, der Schöpferin von Frankenstein).

 

II. Gespensterliebe

Hier begegnen wir vor allem Untoten und Vampiren. Wir bekommen u.a. Auszüge aus Edgar Allan Poes Ligeia zu lesen oder Goethes Schauerballade Die Braut von Korinth (wiewohl Goethe kein großer Freund der Romantik war). Und natürlich Auszüge aus Bram Stokers Dracula. Außerdem sind große Teile dieses Kapitels der düsteren Erotik gewidmet, bis hin zu nekrophilen Gelüsten – was bei der Vampir-Thematik nicht verwunderlich ist.

 

Johann Heinrich Fuessli: Nachtmahr

 

III. Böse Meister

In diesem Teil werden die großen (teils vermeintlichen) Bösewichte der Romantik behandelt: Viktor Frankenstein, Dorian Grey, der Frauenmörder Blaubart, Dr. Jekyll/Mr. Hyde und selbstverständlich Satan höchstselbst. Aber auch auf „moderne“ Charaktere wird eingegangen, wie etwa auf den Schwarz-Weiß-Film-Schurken Dr. Mabuse.

 

Gustave Dorè: Blaubart

 

IV. Innenansichten des Wahnsinns

Hier geht es nun um jene Geschichten und Charaktere, die in Wahnsinn, Raserei und Selbstzerstörung enden: Wir begegnen Hoffmanns Sandmann, in dem ein junger Student – zuvor schon gezeichnet durch traumatische Kindheitserlebnisse – mehr und mehr einer gefährlichen Paranoia anheimfällt. Wir begegnen Mönchen, die den Verstand verlieren. Unbescholtenen Bürgern, die durch eine Begegnung mit ihrem Doppelgänger (ein sehr beliebtes Motiv zur damaligen Zeit) in den Wahnsinn getrieben werden. Und religiösen Fanatikern, die – wie in Joris-Karl Huysmans‘ satanischem Roman Tief unten – Schwarze Messen voller Blut und nackter Haut feiern.

 

V. Weltenbrand

Zum Ende hin geht es in einen Bereich, der mich persönlich zunächst irritiert hat, da es mir ein wenig schwer fällt, diesen mit meiner Vorstellung von Romantik in Einklang zu bringen: Nämlich Apokalypse und damit auch Science Fiction.
Auf der anderen Seite bin ich ein großer Freund von Weltuntergangs-Szenarien, und post-apokalyptische Welten üben schon einen gewissen Reiz auf mich aus… (und gibt es nicht von Nargaroth diesen wunderschönen – ich bin versucht zu sagen: romantischen – Liedtitel Vom Traum, die Menschheit zu töten..?)

Interessant fand ich hierbei, dass schon Mary Shelley 1826 einen Roman verfasst hat, in welchem unsere Spezies vom Erdboden verschwindet:

 

„[…] dies zeigen die Reaktionen auf Mary Shelleys düsteren Zukunftsroman ‚Der letzte Mensch‘, der auf ihre Zeitgenossen auch deshalb so verstörend gewirkt hat, weil dort ALLEIN die Menschheit ausstirbt, die Tiere und Pflanzen hingegen überleben. […] Der Mensch erscheint nicht mehr als ‚Krone der Schöpfung‘, sondern als lästiger Auswuchs, von dem sich die Erde endlich, wie von einem nagenden Geschwür, durch eine große Seuche, durch Kriege und durch schreckliche Unwetter und Umweltkatastrophen für immer befreien kann.“

 

Aber der Untergang muss nicht immer gleich so allumfassend sein, wie beispielsweise Edgar Allan Poes Der Untergang des Hauses Usher zeigt. Dort vergeht lediglich die Dynastie der Familie Usher, wobei jedoch gleichzeitig auch deren Herrenhaus in sich zusammenbricht…

Der Schwerpunkt des Weltuntergangs liegt in der Romantik natürlich wiederum auf der Gefühlsebene: Was empfindet der Protagonist aus Poes Erzählung, als er mit ansehen muss, wie sein Freund Usher mitsamt seinem Herrschaftssitz zugrunde geht? Was fühlt ein Mensch, der die Apokalypse überlebt hat und nun mit seiner Einsamkeit zurechtkommen muss? Oder wie ergeht es nur schon jemandem, der von der restlichen Menschheit isoliert wurde und sein Dasein in einer leeren Einöde fristen muss? Dazu das Monster aus Frankenstein, nachdem es sich verwaist ins ewige Eis zurückgezogen hat:

 

„Es war dunkel, als ich erwachte. Mir war auch kalt, und da ich ganz alleine war, fürchtete ich mich sozusagen instinktiv. […] Ich war eine arme, hilflose und elende Kreatur. Ich wusste nichts und konnte nichts erkennen, doch ich fühlte den Schmerz, der von allen Seiten auf mich eindrang; und ich hockte mich hin und weinte.“

 

Abschließend noch ein paar Worte zur Gestaltung des Buches, auf die ich noch eingehen sollte. Denn die Nachtmeerfahrten bestehen nicht einfach nur aus weißen Seiten mit schwarzer Schrift, nein: Neben den Abbildungen wurde auch mit Farbe gearbeitet, um eine Unterscheidung zwischen Sachtext (von Frau Stölzel) und Romantext (der verschiedenen Romantiker) visuell zu verdeutlichen – der Sachtext ist gewöhnlich in Schwarz, die Romanauszüge und Gedichte hingegen in Purpur gehalten. Hinzu kommt, dass das Buch in einem Pappschuber geliefert wurde, welcher das Gemälde Mephistopheles fliegt über einer Stadt von Eugène Delacroix ziert.

Am Ende der Lektüre weist der Verlag (Die Andere Bibliothek, so der Name) darauf hin, dass seine Originalausgaben limitiert und nummeriert sind (so besitze ich Ausgabe 2.387 von 4.444).
Wie schon zu Beginn gesagt: Ein sehr stimmungsvoll in Szene gesetztes und der Thematik absolut würdiges Buch.

 

dig
Simone Stölzel: Nachtmeerfahrten

 

 

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