…von Steppenwölfen & Unsterblichen

Es mag aufgefallen sein, dass nach der Überarbeitung meiner Seite einige Artikel verschwunden sind, unter anderem auch die Auszüge aus Hermann Hesses „Traktat vom Steppenwolf“. Grund dafür ist, dass dieser Text mir im Nachhinein doch als zu lang für diese Plattform erscheint, und ich auch nicht seitenlang die Gedanken eines anderen abtippen will, so sehr ich in den meisten Fällen diesen Gedanken auch zustimme.

Dennoch verweile ich beim Steppenwolf, denn dieses Buch enthält weitere – in die Haupthandlung eingebettete – Texte, die ich für sehr erwähnenswert halte. Einer dieser Texte ist ein Gedicht mit dem Titel „Die Unsterblichen“.
Unsterblichkeit ist ein Begriff, der immer wieder im Steppenwolf auftaucht und dort einen Zustand der Transzendenz und Erhabenheit beschreibt. Das Erreichen dieses Zustandes ist das Hauptziel des Protagonisten, welcher im Großen und Ganzen mit Hermann Hesse identisch ist.
Dieser Protagonist – Harry Haller – sehnt sich danach, unsere profane Welt zu verlassen bzw. sich über sie zu erheben. Er strebt nach Erhabenheit, nach geistiger Größe, nach Unsterblichkeit. Er will in der weiten Ewigkeit verweilen, gemeinsam mit anderen Unsterblichen, zu denen er vor allem große Künstler wie Goethe oder Mozart zählt.

Sein Streben jedoch bereitet ihm Probleme in der normalen Welt, die ihm zu simpel und stumpf erscheint. Der Gedanke an einen jenseitigen Raum für Menschen wie ihn wiederum gibt ihm Hoffnung. So wird Haller etwa im Dialog mit einem anderen Charakter des Romans wie folgt beschrieben:

„Du bist für diese einfache, bequeme, mit so wenigem zufriedene Welt von heute zu anspruchsvoll und hungrig, sie speit dich aus, du hast für sie eine Dimension zu viel. Wer heute leben und seines Lebens froh sein will, der darf kein Mensch sein wie du und ich. Wer statt Gedudel Musik, statt Vergnügen Freude, statt Geld Seele, statt Betrieb echte Arbeit, statt Spielerei echte Leidenschaft verlangt, für den ist diese hübsche Welt hier keine Heimat…“

Und weiter:

„Wir Menschen alle, wir Anspruchsvolleren, wir mit der Sehnsucht, mit der Dimension zu viel, könnten gar nicht leben, wenn es nicht außer der Luft dieser Welt auch noch eine andre Luft zu atmen gäbe, wenn nicht außer der Zeit auch noch die Ewigkeit bestünde, und die ist das Reich des Echten.“

Das folgende Gedicht ist aus der Sicht jenes ewigen Zustandes geschrieben – das lyrische Ich blickt vom Weltraum/der Unendlichkeit aus auf die Erde hinab und beobachtet das Treiben der Menschheit. Und während die Menschen in ihrem Tun von einer Begierde zur anderen hetzen, ein „Angst- und lustgepeitschter Menschenschwarm“ sind, hierhin und dorthin gieren, schwelgen die Unsterblichen in der ruhevollen Kälte des Weltraums. Mit erhabener Gelassenheit beobachten sie die wilden Bemühungen der Sterblichen, und ihre einzigen Regungen sind ein amüsiertes Nicken und ein kaltes Lachen.

Dieses Bild der Unsterblichen erinnert stark an fernöstliche Religionen, vornehmlich an Buddhismus und Taoismus. Auch dort geht es letztlich um das „Nicht-Tun“, um das „Nicht-Begehren“. Würdevoll ruhen und eingehen in das Nirwana beziehungsweise Eins werden mit dem Weg (Tao). Und in der Tat hat Hesse eine Zeitlang in Indien gelebt, und sich dort vor allem mit dem Buddhismus und auch den verschiedenen Spielarten des Hinduismus beschäftigt.

Ich persönlich musste bei besagtem Gedicht sofort an DISSECTION denken, deren spirituelles Ziel (zumindest das von Jon Nödtveidt) ja ebenfalls der Einzug in das Nichts war, in die Unendlichkeit, in das ursprüngliche Chaos. Weshalb ich diese Band auch nochmals zitieren muss, auch wenn diese Worte bereits schon an anderer Stelle aufgetaucht sind:

„I fell deeper and deeper as light now was gone
I could feel the dark embrace my soul
Agony was no more, and so was pain
At this point of solitude I knew I was there…
There were I belong

Thus far long journey through my soul’s
Infinity
It has been a journey far beyond mortality
I have found what I wanted, tranquility“

 

Und nun zum Steppenwolf:

 


„Die Unsterblichen“
von Hermann Hesse

Immer wieder aus der Erde Tälern
Dampft zu uns empor des Lebens Drang,
Wilde Not, berauschter Überschwang,
Blutiger Rauch von tausend Henkersmählern,
Krampf der Lust, Begierde ohne Ende,
Mörderhände, Wuchererhände, Beterhände,
Angst- und lustgepeitschter Menschenschwarm
Dunstet schwül und faulig, roh und warm,
Atmet Seligkeit und wilde Brünste,
Frisst sich selbst und speit sich wieder aus,
Brütet Kriege aus und holde Künste,
Schmückt mit Wahn das brennende Freudenhaus,
Schlingt und zehrt und hurt sich durch die grellen
Jahrmarktsfreuden ihrer Kinderwelt,
Hebt für jeden sich neu aus den Wellen,
Wie sie jedem einst zu Kot zerfällt.
Wir dagegen haben uns gefunden
In des Äthers sterndurchglänztem Eis,
Kennen keine Tage, keine Stunden,
Sind nicht Mann noch Weib, nicht jung noch Greis.
Eure Sünden sind und eure Ängste,
Euer Mord und eure geilen Wonnen
Schauspiel uns gleichwie die kreisenden Sonnen,
Jeder einzige Tag ist uns der längste.
Still zu eurem zuckenden Leben nickend,
Still in die sich drehenden Sterne blickend
Atmen wir des Weltraums Winter ein,
Sind befreundet mit den Himmelsdrachen,
Kühl und wandellos ist unser ewiges Sein,
Kühl und sternhell unser ewiges Lachen.

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