Unabhängigkeit & Suizid: „Traktat vom Steppenwolf“ (Teil 2)

 

Hier geht’s zum ersten Teil.

Der nächste Abschnitt des Steppenwolf-Traktates beschäftigt sich u.a. mit der Unabhängigkeit: Unabhängig sein von anderen, sich nicht verkaufen, frei leben. Und es geht um den Preis, den man dafür zahlen muss: Nämlich Einsamkeit und Armut.

Beim Lesen musste ich an den großen H.P. Lovecraft denken, meinen Lieblingsautoren. Auch dieser hatte ein großes Bedürfnis nach Freiheit, und hat deshalb beispielsweise nie einen wirklich festen Beruf ausgeübt. Demzufolge lebte er in Armut, denn der Erfolg seiner Geschichten stellte sich erst nach seinem Tode ein. Und auch wenn er verheiratet gewesen war (ich glaube zweimal), so hat er doch niemanden wirklich an sich herangelassen, was im gleichen Maße auch für Hermann Hesse gilt. Denn sobald man sich auf andere einlässt, gibt man einen Teil seiner Unabhängigkeit auf, ergo geht die Unabhängigkeit mit Einsamkeit einher.

Es gibt viele, die über dieses Thema geschrieben und auch gesungen haben, Freiheit und Einsamkeit sind wichtige Aspekte in der Philosophie wie auch im Black Metal. Auch deshalb finde ich, dass das „Traktat vom Steppenwolf“ sehr gut auf diese Seite passt.

Ein anderes Thema in dem hier abgedruckten Text behandelt den Selbstmord. Es geht dabei aber nicht um die reine Verzweiflungstat, sondern um die Gedanken, die entstehen, wenn man sich mit Suizid beschäftigt. Dass, wenn man den eigenen Selbstmord für einen möglichen Weg hält, daraus eine nahezu lebensbejahende Kraft entstehen kann.
Gleichzeitig wird der Suizid als Möglichkeit aufgezählt, zurück in den „Urzustand“ zu gelangen, also in jenen Zustand, welcher vor dem Sein und der Schöpfung existierte.
Von den Buddhisten als Nirwana, von den heidnischen Griechen und Römern als Chaos bezeichnet, findet sich die Idee von der Auflösung der Seele in jenen Urzustand auch im Black Metal wieder, allen voran in der Philosophie des kabbalistisch-satanischen Ordens Temple of the Black Light: Dieser propagiert ebenfalls die Rückführung und Auflösung ins Nichts, was durch das prominenste Mitglied, Jon Nödtveidt von DISSECTION, dann auch in die Tat umgesetzt wurde, indem er sich tatsächlich im Zuge eines Rituals das Leben genommen hat.

Der Abschnitt über Selbstmord ist recht lang, und da ich den Rahmen meines Artikels nicht sprengen wollte, wird er im nächsten Beitrag fortgesetzt.

 


 

 

„Traktat vom Steppenwolf“ (II)

von Hermann Hesse

 

Jede Menschenart hat ihre Kennzeichen, ihre Signaturen, jede hat ihre Tugenden und Laster, jede ihre Todsünde. Es gehörte zu den Zeichen des Steppenwolfes, dass er ein Abendmensch war. Der Morgen war für ihn eine schlimme Tageszeit, die er fürchtete und die ihm niemals Gutes gebracht hat. Nie ist er an irgendeinem Morgen seines Lebens richtig froh gewesen, nie hat er in den Stunden vor Mittag Gutes getan, gute Einfälle gehabt, sich und anderen Freude bereiten können. Erst im Laufe des Nachmittags wurde er langsam warm und lebendig, und erst gegen Abend wurde er, an seinen guten Tagen, fruchtbar, regsam und zuweilen glühend und freudig. Damit hing auch sein Bedürfnis nach Einsamkeit und nach Unabhängigkeit zusammen.

Nie hat ein Mensch ein tieferes leidenschaftlicheres Bedürfnis nach Unabhängigkeit gehabt als er. In seiner Jugendzeit, als er noch arm war und Mühe hatte, sein Brot zu verdienen, zog er es vor, zu hungern und in zerrissenen Kleidern zu gehen, nur um dafür ein Stückchen Unabhängigkeit zu retten. Er hat sich nie für Geld und Wohlleben, nie an Frauen oder Mächtige verkauft und hat hundertmal das, was in aller Welt Augen sein Vorteil und Glück war, weggeworfen und ausgeschlagen, um dafür seine Freiheit zu bewahren. Keine Vorstellung war ihm verhasster und grauenhafter als die, dass er ein Amt ausüben, eine Tages- und Jahreseinteilung innehalten, anderen gehorchen müsste. Ein Bureau, eine Kanzlei, eine Amtsstube, das war ihm verhasst wie der Tod, und das Entsetzlichste, was er im Traum erleben konnte, war die Gefangenschaft in einer Kaserne.

All diesen Verhältnissen wusste er sich zu entziehen, oft unter großen Opfern. Hierin lag seine Stärke und Tugend, hier war er unbeugsam und unbestechlich, hier war sein Charakter fest und gradlinig. Allein mit dieser Tugend hing wieder sein Leid und Schicksal aufs engste zusammen.

Es ging ihm, wie es allen ergeht: Was er, aus einem innersten Trieb seines Wesens, aufs hartnäckigste suchte und anstrebte, das ward ihm zuteil, aber mehr als für Menschen gut ist. Es wurde anfänglich sein Traum und Glück, dann sein bittres Schicksal.
Der Machtmensch geht an der Macht zugrunde, der Geldmensch am Geld, der Unterwürfige am Dienen, der Lustsucher an der Lust. Und so ging der Steppenwolf an seiner Unabhängigkeit zugrunde. Er erreichte sein Ziel, er wurde immer unabhängiger, niemand hatte ihm zu befehlen, nach niemandem hatte er sich zu richten, frei und allein bestimmte er über sein Tun und Lassen. Denn jeder starke Mensch erreicht unfehlbar das, was ein wirklicher Trieb ihn suchen heißt.

Aber mitten in der erreichten Freiheit nahm Harry plötzlich wahr, dass seine Freiheit ein Tod war, dass er allein stand, dass die Welt ihn auf eine unheimliche Weise in Ruhe ließ, dass die Menschen ihn nichts mehr angingen, ja er selbst sich nicht, dass er in einer immer dünner und dünner werdenden Luft von Beziehungslosigkeit und Vereinsamung langsam erstickte. Denn nun stand es so, dass Alleinsein und Unabhängigkeit nicht mehr sein Wunsch und Ziel war, sondern sein Los, seine Verurteilung, dass der Zauberwunsch getan und nicht mehr zurückzunehmen war, dass nichts mehr half, wenn er voll Sehnsucht und guten Willens die Arme ausstreckte und zu Bindung und Gemeinsamkeit bereit war: Man ließ ihn jetzt allein.

Dabei war er nicht etwa verhasst oder den Menschen zuwider. Im Gegenteil, er hatte sehr viele Freunde. Viele hatten ihn gern. Aber es war immer nur Sympathie und Freundlichkeit, was er fand, man lud ihn ein, man beschenkte ihn, schrieb ihm nette Briefe, aber nahe an ihn heran kam niemand, Bindung entstand nirgends, sein Leben zu teilen war niemand gewillt und fähig. Es umgab ihn jetzt die Luft der Einsamen, eine stille Atmosphäre, ein Weggleiten der Umwelt, eine Unfähigkeit zu Beziehungen, gegen welche kein Wille und keine Sehnsucht etwas vermochte. Dies war eins der wichtigsten Kennzeichen seines Lebens.

Ein anderes war, dass er zu den  Selbstmördern gehörte. Hier muss gesagt werden, dass es falsch ist, wenn man nur jene Menschen Selbstmörder nennt, welche sich wirklich umbringen. Unter diesen sind sogar viele, die nur gewissermaßen aus Zufall Selbstmörder werden, zu deren Wesen das Selbstmördertum nicht notwendig gehört.

Unter den Menschen ohne Persönlichkeit, ohne starke Prägung, ohne starkes Schicksal, unter den Dutzend- und Herdenmenschen sind manche, die durch Selbstmord umkommen, ohne darum in ihrer ganzen Signatur und Prägung dem Typus des Selbstmörders anzugehören, während wiederum von jenen, welche dem Wesen nach zu den Selbstmördern zählen, sehr viele, vielleicht die meisten, niemals tatsächlich Hand an sich legen.

Der „Selbstmörder“ – und Harry war einer – braucht nicht notwendig in einem besonders starkem Verhältnis zum Tode zu leben – dies kann man tun, auch ohne Selbstmörder zu sein. Aber dem Selbstmörder ist es eigentümlich, dass er sein Ich, einerlei, ob mit Recht oder Unrecht, als einen besonders gefährlichen, zweifelhaften und gefährdeten Kern der Natur empfindet, dass er sich stets außerordentlich exponiert und gefährdet vorkommt, so, als stünde er auf allerschmalster Felsspitze, wo ein kleiner Stoß von außen oder eine winzige Schwäche von innen genügt, um ihn ins Leere fallen zu lassen. Diese Art von Menschen ist in ihrer Schicksalslinie dadurch gekennzeichnet, dass der Selbstmord für sie die wahrscheinlichste Todesart ist, wenigstens in ihrer eigenen Vorstellung.

Voraussetzung dieser Stimmung, welche fast immer schon in frühen Jahren sichtbar wird und diese Menschen ihr Leben lang begleitet, ist nicht etwa eine besonders schwache Lebenskraft, man findet im Gegenteil unter den „Selbstmördern“ außerordentlich zähe, begehrliche und auch kühne Naturen. Aber so wie es Naturen gibt, die bei der kleinsten Erkrankung zu Fieber neigen, so neigen diese Naturen, die wir „Selbstmörder“ heißen und die stets sehr empfindlich und sensibel sind, bei der kleinsten Erschütterung dazu, sich intensiv der Vorstellung des Selbstmordes hinzugeben.

Hätten wir eine Wissenschaft, die den Mut und die Verantwortungskraft besäße, sich mit dem Menschen zu beschäftigen, statt bloß mit dem Mechanismus der Lebenserscheinungen, etwas wie eine Psychologie, so wären diese Tatsachen jedem bekannt.

Was wir hier über Selbstmörder sagten, bezieht sich alles selbstverständlich nur auf die Oberfläche, es ist Psychologie, also ein Stück Physik. Metaphysisch betrachtet sieht die Sache anders und viel klarer aus, denn bei solcher Betrachtung stellen die „Selbstmörder“ sich uns dar als die vom Schuldgefühl der Individuation Betroffenen, als jene Seelen, welchen nicht mehr die Vorstellung und Ausgestaltung ihrer selbst als Lebensziel erscheint, sondern ihre Auflösung, zurück zur Mutter, zurück zu Gott, zurück ins All. Von diesen Naturen sind viele vollkommen unfähig, jemals den realen Selbstmord zu begehen, weil sie dessen Sünde tief erkannt haben. Für uns sind sie dennoch Selbstmörder, denn sie sehen im Tod, nicht im Leben den Erlöser, sie sind bereit, sich wegzuwerfen und hinzugeben, auszulöschen und zum Anfang zurückzukehren.

Wie jede Kraft auch zu einer Schwäche werden kann (ja unter Umständen werden muss), so kann umgekehrt der typische Selbstmörder aus seiner anscheinenden Schwäche oft eine Kraft und eine Stütze machen, ja tut er dies außerordentlich häufig.

Zu diesen Fällen zählte auch der Harrys, des Steppenwolfes. Wie Tausende von seinesgleichen, machte er aus der Vorstellung, dass ihm zu jeder Stunde der Weg in den Tod offenstehe, nicht bloß ein jugendlich-melancholisches Phantasiespiel, sondern baute sich aus ebendiesem Gedanken einen Trost und eine Stütze.
Zwar rief in ihm, wie in allen Menschen seiner Art, jede Erschütterung, jeder Schmerz, jede üble Lebenslage sofort den Wunsch wach, sich durch den Tod zu entziehen. Allmählich aber schuf er sich aus dieser Neigung gerade einem dem Leben dienliche Philosophie.

Die Vertrautheit mit dem Gedanken, dass jener Notausgang beständig offen stehe, gab ihm Kraft, machte ihn neugierig auf das Auskosten von Schmerzen und üblen Zuständen, und wenn es ihm recht elend ging, konnte er zuweilen mit grimmiger Freude, einer Art Schadenfreude, empfinden: „Ich bin doch neugierig zu sehen, wie viel eigentlich ein Mensch auszuhalten vermag! Ist die Grenze des noch Erträglichen erreicht, dann brauche ich ja bloß die Tür zu öffnen und bin entronnen.“

Es gibt viele Selbstmörder, denen aus diesem Gedanken ungewöhnliche Kräfte kommen.

 

[wird fortgesetzt]

Ein Kommentar zu „Unabhängigkeit & Suizid: „Traktat vom Steppenwolf“ (Teil 2)

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