Individualität, Zerrissenheit und Menschenhass: Das „Traktat vom Steppenwolf“

Der deutsch-schweizerisch Schriftsteller Hermann Hesse (1877-1962) veröffentlichte 1927 einen Roman namens „Der Steppenwolf“.  Dieses Buch konnte nicht nur literarische Erfolge verzeichnen (Hesse erhielt den Literatur-Nobelpreis), sondern übte auch einen gewissen Einfluss auf die Musik aus – am bekanntesten ist da sicherlich die gleichnamige Band STEPPENWOLF. Außerdem enthält dieses Buches Ausdrücke und Phrasen, die später in dem einen oder anderen Lied der BÖHSEN ONKELZ wieder auftauchen sollten…

„Der Steppenwolf“ ist ein Werk über Menschenhass und die Verlogenheit der Gesellschaft. Über Individualität, innere Zerrissenheit und Suizid. Aber auch über den Versuch, als unabhängiger Freidenker inmitten dieser Gesellschaft zu leben, da man sich auch als „einsamer Wolf“ nach menschlicher Nähe und Akzeptanz sehnt…

Auf den Inhalt will ich gar nicht groß eingehen – es sei nur gesagt, dass die Hauptfigur Harry Haller (im Grunde genommen Hermann Hesse selbst) ein Fein- und Freigeist ist, ein Individualist, Alkoholiker und Kritiker der Menschheit. Er will unabhängig sein, sucht aber auch nach Gesellschaft; er denkt über Selbstmord nach, schafft es aber nicht, diesen in die Tat umzusetzen; seine Denkweise entspricht vielen Gedankenbildern, die auch im Black Metal zu finden sind oder generell bei individuellen/freiheitsliebenden/misanthropischen Geistern. 

Worauf ich an dieser Stelle eingehen möchte, ist der meiner Meinung nach beste Teil dieses Buches: Gleich im ersten Kapitel wird Harry ein Text zugespielt, welcher mit „Traktat vom Steppenwolf“ überschrieben ist. Dieses Traktat spiegelt eine Sichtweise wider, der ich beinahe 100%ig zustimme, und von der ich glaube, dass sie auch vielen anderen Freidenkern dort draußen aus der Seele spricht.

Es geht um den inneren Kampf mit sich selbst (ich erinnere mal an „Black Metal ist Krieg“), um die Sehnsucht nach Wildnis und zugleich nach Zivilisation und den Widersprüchen, die sich daraus ergeben. Auf die Entstehung großer Kunstwerke wird eingegangen, nämlich dahingehend, dass wahre Kunst aus großem Schmerz geboren wird. Auch etwas hinduistische Philosophie und Metaphysik werden angesprochen (Hesse lebte eine Zeitlang in Indien), und natürlich wird sich ausgekotzt über Heuchelei, Verlogenheit, gesellschaftliche Zwänge und dergleichen mehr. Im Grunde genommen muss man gar nicht den ganzen Steppenwolf lesen, ich finde, das Traktat reicht vollkommen aus.

Und eben weil dieses Traktat mir so gefällt, dachte ich mir, ich muss etwas dazu schreiben. Ich habe hin und her überlegt, ob ich es komplett abtippen soll oder nicht, da es letztlich doch etwas länger ist als in meiner Erinnerung (hatte es vor einigen Jahren gelesen), und ich habe mich tatsächlich für das Abtippen entschieden. Allerdings werde ich den Text nicht in einem Rutsch präsentieren, sondern über zwei/drei Artikel verteilt, da er sonst den Rahmen meiner sonstigen Beitragslänge sprengen würde.

Ich werde nun also im Lauf der nächsten Wochen das „Traktat vom Steppenwolf“ in mehreren Teilen hier auf SchädelTrauma veröffentlichen. Das ist von meiner Seite aus natürlich keine sonderlich anspruchsvolle Arbeit, da ich ja nur das Geschreibsel eines anderen widergebe; aber da dieser Text nun einmal so gut in die Weltanschauung passt, die auf dieser Seite und zu großen Teilen auch im Black Metal vertreten wird, muss ich ihn einfach präsentieren. Wer sich nun das Buch selbst kaufen will, kann das gerne tun – es ist nie falsch, Geld für ein Buch auszugeben. Aber genug der Vorrede, hier also der erste Teil meines Steppenwolf-Projekts:

 


„Traktat vom Steppenwolf“ (I)

von Hermann Hesse

 

Es war einmal einer namens Harry, genannt der Steppenwolf. Er ging auf zwei Beinen, trug Kleider und war ein Mensch, aber eigentlich war er doch eben ein Steppenwolf. Er hatte vieles von dem gelernt, was Menschen mit gutem Verstande lernen können, und war ein ziemlich kluger Mann. Was er aber nicht gelernt hatte, war dies: Mit sich und seinem Leben zufrieden sein. Dies konnte er nicht, er war ein unzufriedener Mensch. Das kam wahrscheinlich daher, dass er im Grunde seines Herzens jederzeit wusste (oder zu wissen glaubte), dass er eigentlich gar kein Mensch, sondern ein Wolf aus der Steppe sei.

Es mögen sich kluge Menschen darüber streiten, ob er nun wirklich ein Wolf war, ob er einmal, vielleicht schon vor seiner Geburt, aus einem Wolf in einen Menschen verzaubert worden war oder ob er als Mensch geboren, aber mit der Seele eines Steppenwolfes begabt und von ihr besessen war oder aber ob dieser Glaube, dass er eigentlich ein Wolf sei, bloß eine Einbildung oder Krankheit von ihm war. Zum Beispiel wäre es ja möglich, dass dieser Mensch etwa in seiner Kindheit wild und unbändig und unordentlich war, dass seine Erzieher versucht hatten, die Bestie in ihm totzukriegen, und ihm gerade dadurch die Einbildung und den Glauben schufen, dass er in der Tat eigentlich eine Bestie sei, nur mit einem dünnen Überzug von Erziehung und Menschentum darüber.

Man könnte hierüber lang und unterhaltend sprechen und sogar Bücher darüber schreiben; dem Steppenwolf wäre damit aber nicht gedient, denn für ihn war es ganz einerlei, ob der Wolf in ihn hineingehext oder – geprügelt oder aber nur eine Einbildung seiner Seele sei. Was andre darüber denken mochten und auch was er selbst darüber denken mochte, das war für ihn nichts wert, das holte den Wolf doch nicht aus ihm heraus.

Der Steppenwolf hatte also zwei Naturen, eine menschliche und eine wölfische, dies war sein Schicksal, und es mag wohl sein, dass dies Schicksal kein so besonderes und seltenes war. Es sollen schon viele Menschen gesehen worden sein, welche viel vom Hund oder vom Fuchs, vom Fisch oder von der Schlange in sich hatten, ohne dass sie darum besondre Schwierigkeiten gehabt hätten. Bei diesen Menschen lebten eben der Mensch und der Fuchs, der Mensch und der Fisch nebeneinander her, und keiner tat dem andern weh, einer half sogar dem andern, und in manchem Manne, der es weit gebracht hat und beneidet wird, war es mehr der Fuchs oder Affe als der Mensch, der sein Glück gemacht hat. Dies ist ja jedermann bekannt.

Bei Harry hingegen war es anders, in ihm liefen Mensch und Wolf nicht nebeneinander her, und noch viel weniger halfen sie einander, sondern sie lagen in ständiger Todfeindschaft gegeneinander, und einer lebte dem andern lediglich zu Leide, und wenn Zwei in Einem Blut und Einer Seele miteinander todfeind sind, dann ist das ein übles Leben.

Nun, jeder hat sein Los, und leicht ist keines.

Bei unsrem Steppenwolf nun war es so, dass er in seinem Gefühl zwar bald als Wolf, bald als Mensch lebte, wie es bei allen Mischwesen der Fall ist, dass aber, wenn er Wolf war, der Mensch in ihm stets zuschauend, urteilend und richtend auf der Lauer lag – und in den Zeiten, wo er Mensch war, tat der Wolf ebenso.

Zum Beispiel, wenn Harry als Mensch einen schönen Gedanken hatte, eine feinde, edle Empfindung fühlte oder eine sogenannte gute Tat verrichtete, dann bleckte der Wolf in ihm die Zähne und lachte und zeigte ihm mit blutigem Hohn, wie lächerlich dieses ganze edle Theater einem Steppentier zu Gesicht stehe, einem Wolf, der ja in seinem Herzen ganz genau darüber Bescheid wusste, was ihm behage, nämlich einsam durch Steppen zu traben, zuzeiten Blut zu saufen oder eine Wölfin zu jagen – und, vom Wolf aus gesehen, wurde dann jede menschliche Handlung schauerlich komisch und verlegen, dumm und eitel.

Aber ganz ebenso war es, wenn Harry sich als Wolf fühlte und benahm, wenn er andern die Zähne zeigte, wenn er Hass und Todfeindschaft gegen alle Menschen und ihre verlogenen und entarteten Manieren und Sitten fühlte. Dann nämlich lag das Menschenteil in ihm auf der Lauer, beobachtete den Wolf, nannte ihn Vieh und Bestie und verdarb und vergällte ihm alle Freude an seinem einfachen, gesunden und wilden Wolfsleben.

So war dies mit dem Steppenwolf beschaffen, und man kann sich vorstellen, dass Harry nicht gerade ein angenehmes und glückliches Leben hatte. Doch soll damit nicht gesagt sein, dass er in ganz besonderem Grade unglücklich gewesen sei (obwohl es ihm selber allerdings so erschien, wie denn jeder Mensch die ihm zufallenden Leiden für die größten hält). Man sollte das von keinem Menschen sagen. Auch wer keinen Wolf in sich hat, braucht darum nicht glücklich zu sein. Und auch das unglücklichste Leben hat seine Sonnenstunden und seine kleinen Glücksblumen zwischen dem Sand und Gestein.

So war es denn auch bei dem Steppenwolf. Er war meistens sehr unglücklich, das ist nicht zu leugnen, und unglücklich konnte er auch andre machen, nämlich wenn er sie liebte und sie ihn. Denn alle, die ihn lieb gewannen, sahen immer nur die eine Seite in ihm. Manche liebten ihn als einen feinen, klugen und eigenartigen Menschen und waren dann entsetzt und enttäuscht, wenn sie plötzlich den Wolf in ihm entdecken mussten. Und das mussten sie, denn Harry wollte, wie jedes Wesen, als Ganzes geliebt werden und konnte darum gerade von denen, an deren Liebe ihm viel gelegen war, den Wolf nicht verbergen und weglügen.

Es gab aber auch solche, die gerade den Wolf in ihm liebten, gerade das Freie, Wilde, Unzähmbare, Gefährliche und Starke, und diesen wieder war es dann außerordentlich enttäuschend und jämmerlich, wenn plötzlich der wilde, böse Wolf auch noch ein Mensch war, auch noch Sehnsucht nach Güte und Zartheit in sich hatte, auch noch Mozart hören, Verse lesen und Menschheitsideale haben wollte. Gerade diese waren meistens besonders enttäuscht und böse, und so brachte der Steppenwolf seine eigene Doppeltheit und Zwiespältigkeit auch in alle fremden Schicksale hinein, die er berührte.

Wer nun aber meint, den Steppenwolf zu kennen und sein klägliches, zerrissenes Leben sich vorstellen zu können, der ist dennoch im Irrtum, er weiß noch lange nicht alles. Er weiß nicht, dass es (wie keine Regel ohne Ausnahme und wie ein einziger Sünder unter Umständen Gott lieber ist als neunundneunzig Gerechte) – dass es bei Harry immerhin auch Ausnahmen und Glücksfälle gab, dass er zuweilen den Wolf, zuweilen den Menschen auch rein und ungestört in sich atmen, denken und fühlen konnte, ja, dass beide manchmal, in sehr seltenen Stunden, Frieden schlossen und einander zu Liebe lebten, so dass nicht bloß der eine schlief, während der andre wachte, sondern beide einander stärkten und jeder den andern verdoppelte.

Auch im Leben dieses Mannes schien, wie überall auf der Welt, zuweilen alles Gewohnte, Alltägliche, Erkannte und Regelmäßige bloß den Zweck zu haben, hie und da eine sekundenkurze Pause zu erleben, durchbrochen zu werden und dem Außerordentlichen, dem Wunder, der Gnade Platz zu machen. Ob nun diese kurzen, seltenen Glücksstunden das schlimme Los des Steppenwolfs ausglichen und milderten, so dass Glück und Leid sich schließlich die Waage hielten, oder ob vielleicht sogar das kurze, aber starke Glück jener wenigen Stunden alles Leid aufsog und ein Plus ergab, das ist nun wieder eine Frage, über welche müßige Leute nach Belieben brühten mögen. Auch der Wolf brütet oft darüber, und das waren seine müßigen und unnützen Tage.

Hierzu muss eines noch gesagt werden. Es gibt ziemlich viele Menschen von ähnlicher Art, wie Harry einer war, viele Künstler namentlich gehören dieser Art an. Diese Menschen habe alle zwei Seelen, zwei Wesen in sich, in ihnen ist Göttliches und Teuflisches, ist mütterliches und väterliches Blut, ist Glücksfähigkeit und Leidensfähigkeit ebenso feindlich und verworren neben- und ineinander vorhanden, wie Wolf und Mensch es in Harry waren.

Und diese Menschen, deren Leben ein sehr unruhiges ist, erleben zuweilen in ihren seltenen Glücksaugenblicken so Starkes und unnennbar Schönes, der Schaum des Augenblicksglückes spritzt zuweilen so hoch und blendend über das Meer des Leides hinaus, dass dies kurz aufleuchtende Glück ausstrahlend auch andere berührt und bezaubert. So entstehen, als kostbarer flüchtiger Glücksschaum über dem Meer des Leides, all jene Kunstwerke, in welchen ein einzelner leidender Mensch sich für eine Stunde so hoch über sein eigenes Schicksal erhob, dass sein Glück wie ein Stern strahlt und allen denen, die es sehen, wie etwas Ewiges und wie ihr eigener Glückstraum erscheint.

Alle diese Menschen, mögen ihre Taten und Werke heißen wie sie wollen, haben eigentlich überhaupt kein Leben, das heißt, ihr Leben ist kein Sein, hat keine Gestalt, sie sind nicht Helden oder Künstler oder Denker in der Art, wie andere Richter, Ärzte, Schuhmacher oder Lehrer sind, sondern ihr Leben ist eine ewige, leidvolle Bewegung und Brandung, ist unglücklich und schmerzvoll zerrissen und ist schauerlich und sinnlos, sobald man den Sinn nicht in ebenjenen seltenen Erlebnissen, Taten, Gedanken und Werken zu sehen bereit ist, die über dem Chaos eines solchen Lebens ausstrahlen.

Unter den Menschen dieser Art ist der gefährliche und schreckliche Gedanke entstanden, dass vielleicht das ganze Menschenleben nur ein arger Irrtum, eine heftige und missglückte Fehlgeburt der Urmutter, ein wilder und grausig fehlgeschlagener Versuch der Natur sei. Unter ihnen ist aber auch der andere Gedanke entstanden, dass der Mensch vielleicht nicht bloß ein halbwegs vernünftiges Tier, sondern ein Götterkind und zur Unsterblichkeit bestimmt sei.

[Wird fortgesetzt…]

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