Jugend ohne Subkultur

Der folgende Artikel basiert auf meinen persönlichen Beobachtungen. Ob der hier beschriebene Umstand nur in meinem Umfeld auftritt, oder deutschlandweit, kann ich nicht sagen.
Ich will an dieser Stelle auch nicht mit den üblichen Sprüchen kommen, von wegen „die heutige Jugend ist so schlimm und frech und respektlos, bla bla…“ Ich will nicht sagen, dass früher – also zu meiner Jugendzeit – alles besser war. Ausführlich habe ich zu diesem „Kulturpessimismus“ schon in einem älteren Artikel Stellung bezogen, und ich will meine Aussagen von damals auch nicht zurücknehmen – es geht mir lediglich darum, Beobachtungen aufzuzeichnen und meine Meinung kundzutun.


Ich arbeite an einer recht großen Schule, und bereits vor einiger Zeit ist mir und einigen Kollegen aufgefallen, dass man unter den Schülern im Grunde genommen keine einzige Subkultur mehr erblickt: Es gibt keine Metaller mehr, keine Punks, keine Gothics, nicht einmal mehr Hip Hopper. Sicherlich gibt es Schüler, die entsprechende Musik hören, allen voran Hip Hop – aber niemand kleidet sich mehr danach oder erweckt den Eindruck, eine entsprechende Lebenseinstellung zu repräsentieren. Ein einziger Schüler fällt mir ein, der hin und wieder ein SLAYER-Shirt trägt, und letztens habe ich ein Mädel mit AMON AMARTH gesehen – aber das war‘s dann auch. Keine langhaarigen Kerle mehr, keine komplett schwarz Gekleideten, keine bunten Haare oder Dreadlocks. Stattdessen einheitliche T-Shirts von Nike, Adidas, Obey und Levis. Dazu eine Adidas-Trainingshose oder – viel öfters anzutreffen – dämlich aussehende „Hochwasserhosen“. Von Individualität oder Rebellion keine Spur, im Grunde genommen erscheint mir die heutige Jugend als einzige graue Masse.

Ich habe darüber nachgedacht, was ich davon halten soll. Und ein wenig im Internet recherchiert, um zu sehen, wie es momentan allgemein um die Jugend bestellt ist.

So wie es aussieht, schwindet das Bedürfnis, sich einer Gruppe bzw. Subkultur anzuschließen. In einem Artikel auf zeit.de heißt es beispielsweise, dass es früher um „Abgrenzung von anderen Generationen“ und um „Abgrenzung auch von anderen Jugendlichen“ ging. „Um diesen Zweck zu erfüllen, brauchte Jugendmode damals eindeutige, klare Codes, an denen sich ein Wir definieren ließ. Schließlich sollte man schon von weitem erkennen können, welcher Subkultur man anhing.“ Dagegen soll heute „die Kleidung das Individuum betonen. Wo früher ein Wir war, steht jetzt ein großes Ich.“
Ich finde, dass gerade die Zugehörigkeit zu einer Subkultur von Individualität spricht. Sicherlich passt man sich dabei ebenfalls entsprechend an, was Kleidung, Frisur etc. betrifft, aber besser dem Verhalten einer kleinen Gruppe nacheifern, als dem der breiten Masse. Denn wie gesagt – in der heutigen Jugend sehe ich keinerlei Individualität mehr.

Wir wollten früher anders sein – anders als die Erwachsenen, anders als die ganzen Mitläufer; wir wollten nicht irgendeiner Mode folgen, sondern unseren eigenen Weg gehen. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Kultur hat dabei geholfen. Zu meiner Schulzeit gab es auf dem Schulhof immer diese kleinen Grüppchen, die sich deutlich von der Allgemeinheit abgrenzten: Da gab es die Gothics (zu denen ich damals gehörte), dann eine Gruppe Black Metal-Anhänger (zu denen ich damals noch nicht zählte), ein Haufen Hip Hopper und eine Gruppe von Ravern/Techno-Fans. Heutzutage gibt es das nicht mehr, zumindest sehe ich das nicht. Vielleicht verhält es sich in anderen Städten anders – meine Hoffnung liegt da bei den Großstädten – aber mir erscheinen die Schüler von heute als Teil der gesichtslosen Herde, zu denen die meisten Menschen unserer Gesellschaft zählen.

Man muss sich keiner Subkultur anschließen, nein. Ich lasse mich selbst auch nicht gerne in eine Schublade stecken. Aber mit der breiten Masse schwimmen?

Benötigen heutige Jugendliche keine Hilfe mehr bei der Identitätsfindung? „Subkulturen sind für viele Jugendliche ein Hilfsmittel bei ihrer Identitätskonstruktion“ heißt es auf reflecta.org. Ich denke, diese Hilfe bräuchten sie schon, denn ich sehe ja das Ergebnis: Wo ich früher ein Marilyn Manson-Shirt mit dem Spruch „This is your world in wich we grow, and we will grow to hate you“ getragen habe, trägt man heute „Obey“ (= gehorchen). Wobei die meisten Schüler die Übersetzung dieses Markennamens wahrscheinlich gar nicht kennen, was von einer gewissen Ironie spricht. Kennt jemand den alten John Carpenter-Film „Sie leben!“ mit Rowdy Roddy Piper? In welchem Außerirdische hinter jedem Plakat, jedem Zeitungsartikel, jedem Fernsehprogramm versteckte Befehle wie „Kaufe!“, „Folge!“ oder eben „Gehorche!“ platziert haben, um die Menschheit zu kontrollieren? Die heutige Jugend erinnert mich stark daran…

Wie kommt es denn, dass die Subkulturen in der jüngeren Generation zurückgehen? Oben erwähnter Reflecta-Beitrag erklärt, dass Subkulturen aus der Verbindung von revolutionärer Musik und der Unzufriedenheit mit dem derzeitigen Wertesystem entstehen. Und weiter werden die Fragen gestellt „Wenn also zwei Elemente: Unzufriedenheit von Jugendlichen und Musik, eine neue Subkultur hervorriefen, was bedeutet dies dann für die deutschen Jugendlichen der Anfänge des 21ten Jahrhunderts? Sind sie zufrieden mit dem gesellschaftlichen System oder viel mehr zu antriebslos und gleichgültig, um sich gegen ein System zu stellen und ihre Unzufriedenheit auszudrücken?“
Ist es so? Ist die heutige Jugend genügsam geworden, so wie es die meisten Erwachsenen sind? Betäubt vom Luxus, in dem sie leben? Alle satt und zufrieden?  Aufbegehren und Revolution werden nur noch auf der Playstation ausgelebt? Online (ob bei Videospielen oder in sozialen Netzwerken) fühlt man sich stark, deshalb braucht man es in der Realität nicht mehr zu sein? Ist der Prometheus-Funke sozusagen digitalisiert worden, nur noch virtuell vorhanden und dadurch kontrollierbar? Wut und Aggression, welche Antriebe für Abgrenzung und die dadurch resultierende Selbstentfaltung sind, wurden in Smartphones und Konsolen gesperrt, wo sie ihre Selbstständigkeit verloren haben und stattdessen nach den Vorgaben von Marketingstrategen tanzen. Wer unzufrieden mit seiner Umwelt ist, der knallt halt eben ein paar virtuelle Gegner bei „Call of Duty“ oder „GTA“ ab, anstatt sich zu überlegen, was er an sich oder seiner Umwelt ändern kann, um ein besseres Leben zu führen. Damit meine ich jetzt nicht, Leute in der Realität abzuknallen, sondern seine Aggression dahingehend zu lenken, dass aus ihr etwas Produktives entsteht – vielleicht eine Leidenschaft, die einen emporhebt und beflügelt, vielleicht ein Engagement in politischer oder gesellschaftlicher Hinsicht.

Denn das waren Subkulturen schon immer: Bestrebt, Politik und Gesellschaft infrage zu stellen, sie vielleicht gar zu ändern.  Dies natürlich auf unterschiedlichste Weise: Die Rockmusik rebellierte in ihren Anfängen gegen Krieg und Ausbeutung, der Hip Hop gegen Rassismus. Andere wollten einfach nur nicht mehr spießig und angepasst sein.
Aber alles ist heutzutage kommerzialisiert worden, sogar – eigentlich kaum denkbar – der Black Metal. Und mit der Jugend scheint dasselbe passiert zu sein: Sie ist ein Produkt/Opfer des Kommerz‘ geworden – also massenkompatibel, gleichgeschaltet, individualitätsfremd.

Eine weitere und sehr nennenswerte Überlegung findet sich bei Reflecta: „Vielleicht war der Antrieb für die Neubildung [von Subkulturen] auch nicht die Unzufriedenheit der Jugend, sondern das Aufkommen einer neuen Musikrichtung. Dies würde bedeuten, dass die Unkreativität der Künstler bzw. die Standardisierung und Innovationsängste der Musikindustrie Schuld sind, dass sich keine neuen Subkulturen mehr herausbilden.“
Interessanter Gedanke. Womöglich fehlt es den heutigen Jugendlichen an entsprechenden Vorbildern? Also an Künstlern, die rebellieren und gegen Normen verstoßen? – Wen gab es denn zu meiner Zeit? Kurt Cobain zum Beispiel, Marilyn Manson oder die Onkelz. Von mir aus auch noch 2Pac. Musiker, die kontrovers waren und nicht taten, was die Gesellschaft oder die Plattenfirma ihnen vorschrieb. Und heute?
Vorbild Nummer Eins sind die verschiedenen Youtuber. Ohne diese Leute wüssten die meisten Schüler wahrscheinlich nicht, was sie gut finden sollen und was nicht. Musik wird nur gehört, wenn sie zuvor von einem Youtuber gepostet wurde. Markenklamotten sind in, sobald ein Youtuber sie in seinem Video trägt. Youtube ist die neue Macht unter den Jugendlichen, das sehe ich jeden Tag.
Aber sind das Vorbilder? Leute, die z.B. anderen Menschen Streiche spielen und das filmen? Leute, die Schönheitstipps geben und sonst nichts können? Ist jemand, der sich beim Videospielen aufnehmen lässt, ein Vorbild? Werte und Ideale – welcher Art auch immer – werden dort nicht vermittelt. Vielmehr wird das oben Angesprochene gefördert: Sitz vor deinem Monitor und halt die Klappe. Guck zu. Poste von mir aus einen Kommentar, aber bewirke keine Veränderung in der Realität. Streben nach Entwicklung und höheren Zielen findet bitte nur in der digitalen Welt statt, nicht in der echten.
Kein Wunder, dass es kaum noch Jugendliche gibt, die sich eigenständig Gedanken machen. Die dann aufgrund eben jener Gedanken beginnen, sich von der Masse abzugrenzen. Und die aufgrund dieser Abgrenzung wiederum ihre eigenen Werte und Ideale entwickeln.

Vielleicht sollte man auch mal über die Eltern nachdenken. Viele davon entstammten meiner eigenen Generation, und selbst wenn sie zehn Jahre älter sein sollten, macht das keinen allzu großen Unterschied. Die meisten von uns sind mit Videospielen und MTV aufgewachsen, und wir alle sind in einer Gesellschaft großgeworden, in der Toleranz und Offenheit gepredigt werden. Wenn also die Eltern weltoffen und nicht mehr spießig sind, gegen wen soll man dann noch aufbegehren? Wenn die gesamte Umwelt alle gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Grenzen fallen gelassen hat, gegen wen oder was soll man dann noch rebellieren? Rebellion braucht einen Gegner, aber wer ist das heutzutage? Wer ist der Gegner, an dem man seine eigenen Fähigkeiten messen kann und der einen wachsen lässt?

Für mich sind das Massenmentalität, Herdendenken und Angepasstheit. Und um diese „Feinde“ zu überwinden, stellen Subkulturen passende Werkzeuge dar. Man muss keiner Subkultur angehören, nein, aber es ist ein guter Weg.


Nun habe ich doch über die heutige Jugend gemeckert, obwohl ich mich dagegen stets gewährt habe. Einfach, weil es normal ist, sich über die Jugend zu beschweren. Seit der Antike regen sich Ältere über den Werteverfall ihrer jeweiligen Jugendkultur auf, aber bis heute ist die Welt nicht untergegangen. Deshalb empfinde ich es eigentlich als müßig und womöglich sogar als überflüssig, sich über die Jugend aufzuregen.
Ich habe es dennoch getan. Denn wenn man die Welt kritisch betrachtet und hinterfragt, dann muss man sich auch mit diesem Thema beschäftigen. Falls aber meine Beobachtungen nicht stimmen sollten, und das Ausbleiben von Subkulturen nur in meinem eigenen Umfeld stattfindet, dann kann dieser Artikel getrost als Folgendes betrachtet werden: Nämlich als das Gemecker eines alten Mannes, der auch mal seinen Senf zur heutigen Jugend abgeben wollte (auch wenn ich noch nicht so alt bin)…

8 Kommentare zu „Jugend ohne Subkultur

  1. Hallo, ich beobachte bei meinen Schülern Ähnliches. Ob es wirklich schlecht oder gut ist wage ich nicht zu beurteilen.
    Schade finde ich es allemal, da ohne Subkulturen ein Stück Vielfalt verloren geht.

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  2. Da stimme ich Dir zu, Kate. Subkulturen ermöglichen Vielfalt und lassen die Welt interessanter erscheinen. Außerdem fördern sie neue und andere Sichtweisen, was zur Erweiterung des Horizonts führt. Eine vollkommen einheitliche/gleiche Gesellschaft würde ich als engstirnig und eingeschränkt bezeichnen.
    Danke für Deinen Kommentar!

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  3. Vielen Dank für den wirklich gut geschriebenen und scharf beobachteten Artikel zum „subkulturellen Stand“ der Jugend. Im Grunde würde ich Deiner Beobachtung anschließen, doch einige Deiner Schlussfolgerungen regen mich zum nachdenken an:

    Jugendliche Subkulturen finden immer dort statt, wo die Welt der Erwachsenen keinen Zugang hat. So meine Theorie. Soll heißen: Klassische Subkulturen, wie Gothic, Punk oder Metal, sind längst von Erwachsenen durchsetzt, werden von Erwachsenen organisiert und sind durch und durch kommerzialisiert. Sie bieten keinerlei Abgrenzung mehr für die Jugendlichen selbst. Es ist keine eigene Welt mehr, die Erwachsene nicht verstehen.

    Klassische Subkulturen haben längst kein rebellisches Potential mehr, weil eben Eltern selbst darin verwurzelt sind und kaum noch einen verschwenderischen Umgang mit ihrer Lebensenergie pflegen. Ganz davon abgesehen finde ich, dass Subkulturen zwar stets Gesellschaftskritik beinhalteten, aber selten aktiven Veränderungswillen mitbrachten.

    Ich würde die ganze Sache etwas optimistischer sehen. Denn durchaus gibt es noch jugendliche Subkulturen, die sich mit einer gehörigen Portion Abgrenzung vom Rest der Gesellschaft unterscheiden. Vieles davon findet mittlerweile im Internet statt und findet darin auch den größten Teil seiner Verbreitung. Damit geht aber natürlich auch eine äußerliche Konformität einher, denn musikalische Vorbilder, die einen Stil auf der Bühne vorleben, fehlen weitesgehend.

    Lediglich Cosplayer und LARPer gehen eine äußerliche Veränderung ein, die aber – und da muss ich dir leider recht geben – kaum noch Verwendung im Alltag finden.

    Ebenfalls zustimmen muss ich Dir bei der völligen Kritiklosigkeit der Jugend, denn alle „neuen“ oder „aktiven“ Subkulturen haben eine Sache gemein: Sie prangern nicht die Gesellschaft oder die Welt in der wir leben an, sondern sind nur ausgeprägte Formen der Realitätsflucht.

    Eine stillschweigende Akzeptanz der herrschenden Verhältnisse – Stichwort Leistungsgesellschaft – mit immer stärker werdender Flucht aus dem Alltag.

    Wem geben wir die Schuld? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Möglicherweise liegt es auch an uns „Erwachsenen“ selbst, die der Jugend immer mehr Freizeit raubt (Turbo-Abi) und sie gleichzeitig immer früher in Leistungsorientierte Verhältnisse drückt.

    Die Industrie leistet ihren Teil und suggeriert, dass man sich mit Geld wunschlos machen kann. Subkulturen werden mittlerweile in Windeseile assimiliert und kommerzialisiert. Der Jugend zahlt. Von Geld, was sie sich immer früher verdienen sollen.

    Die Jugend findet ihren Weg der Rebellion, da bin ich mir sicher. Ob er sich nach Außen hin immer so zeigt, bleibt unklar. Ich bleibe neugierig. Auch auf Deine weiteren Beobachtungen dazu.

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  4. Interessant dein Vergleich mit „They live!“ – gerade in Bezug auf diesen gar lächerlichen Markennamen ‚Obey‘ musste ich selbst sofort an den Carpenter-Klassiker denken.

    Der von dir beschriebene Artikel auf Reflecta widerspricht sich doch eigentlich selbst? Wie kann das Individuum in den Vordergrund rücken, wenn doch alles nur noch auf oberflächliche Dinge, wie Marken und Trends ausgelegt ist? Da steht wohl weniger der Individualismus, denn mehr der Egoismus im Vordergrund – was für mich aber zwei Paar Schuhe sind. Da bieten die Subkulturen doch wesentlich bessere Möglichkeiten der Selbstfindung, als diese Herdenmentalität. Aber das ist das Problem in unserer ‚aufgeklärten‘ Gesellschaft – wenn du nicht spurtest und mit dem Strom schwimmst, gehst du unter. Alles, was über Konsum und vor allem Leistung hinaus geht, wird nicht mehr akzeptiert. Da ist es auch kein Wunder, dass unsere Jugend zu inhaltslosen Lemmingen mutiert, welche allenfalls noch das Abziehbild eines Individuums darstellen. Frei nach dem Motto: „Wir basteln uns unsere Herdentiere“.

    Auch als Schreiber von Rezensionen finde ich es alarmierend und erschreckend, wie viele Bands mich doch gerade in letzter Zeit anschreiben, dass sich kaum mehr einer die Zeit nimmt, um sich mit ihren Werken wirklich auseinanderzusetzen, in einer Art und Weise, wie ich es bspw. pflege. Kommt es dabei aber auch nicht gerade darauf an im Black Metal? Das Hinterfragen, das Infragestellen, der Fantasie ihren Lauf zu lassen, seinen eigenen Horizont durch neue Erfahrung spirituell zu erweitern? Das hat jetzt zwar nur sehr indirekt etwas mit dem Thema zu tun, aber in meinen Augen kann man das gut auf die allgemeine Situation dieser oberflächlichen Gesellschaft ummünzen.

    Doch das ist, wie du schon sagtest, auch darin begründet, dass alles, aber auch wirklich alles immer mehr kommerzialisiert wird. Und, was dann noch schwerwiegender hinzu kommt: das, was sich dann noch im Underground abspielt, gerät durch verschiedene Seiten immer mehr zur politischen Instrumentalisierung. Das geschieht ja auch nicht nur im Black Metal, sondern lässt sich momentan ja auch sehr gut im deutschen Rap / HipHop beobachten.

    Ich muss nun gestehen, dass ich nicht unbedingt sehr viele Jugendliche kenne – andererseits kenne ich aber auch kaum Leute aus der aktuellen Subkultur ‚Black Metal‘. Was mir nur immer wieder auffällt, wenn ich im Plattenladen meiner Wahl herumstöbere, dass selbst diese Subkultur für die meisten nicht viel mehr als Spaß haben und Party machen bedeutet, gerade bei jüngerem Volk (und, oh mann, so alt bin ich nun auch noch nicht so wirklich). Aber ich denke auch, dass, wie du in deinem Artikel auch schon beschrieben hast, es sich bei den meisten wohl auch eher um Mitläufer handelt, die sich einfach nur in dieser ‚Szene‘ bewegen, da Black Metal ja momentan „die Musik der Stunde“ (Quelle: WELT.de – unter der Rubrik ‚Pop’… was zur Hölle?).

    Was meinen Weg durch die Subkulturen angeht, so war es doch recht ähnlich, wie bei dir: angefangen mit Punk, irgendwann Metal, dann wieder Punk mit Oi! und Skinhead-Reggae, später einen recht kurzen Ausflug in den Gothic… an den Black Metal kam ich erst im volljährigen Alter, was ich einerseits sehr bedauere, da ich zu der Zeit schon so einiges verpasst hatte, aber andererseits besaß ich dort schon eine gewisse mentale Reife und hatte bereits ‚meinen‘ Weg gefunden. Ich hatte konkrete Vorstellungen meines Lebens und der Welt – und ich fand all‘ diese Dinge in dieser mir bis dahin völlig unbekannten Subkultur wider. Wie ich ja auch schon in meinem Artikel zur „Herbstleyd“ geschrieben hatte.

    In Subkulturen ist es nur immer wichtig, sich selbst treu zu bleiben… nur so gibt es einem auch wirklich etwas – und dabei ist dann auch egal, in was für einer man sich bewegt – solange man sich selbst dort wiederfindet, kann es nur gut sein. Zudem beschreitet man mit dieser Entscheidung einen eigenen Pfad, weg von der Angepasstheit und dem gleichgeschalteten Denken der Masse – das erfordert oft auch viel Kraft und Willen – das kenne ich selbst noch aus der Schule. Vielleicht liegt da auch mit ein Grund, warum sich einfach keine Subkulturen mehr unter Jugendlichen bilden – oder zumindest nicht in dem Umfang wie es bspw. in den 70ern – 90ern noch der Fall war.

    Jetzt habe ich viel geschrieben, nicht immer so wirklich am Thema dran, aber doch, wie ich finde, doch irgendwie passend. Ich hoffe, du verzeihst mir meine Ausschweifungen 😉

    Lieber intolerant als ignorant.

    Gruß

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  5. Vielen Dank Kraehenblut, für Deinen wieder einmal ausführlichen Kommentar! Und Dank auch an Dich, Robert, für Deine ebenfalls sehr umfangreichen Gedanken – es freut mich, hier ein „neues Gesicht“ begrüßen zu dürfen!

    Ja, die klassischen Subkulturen scheinen wirklich „erwachsen“ geworden zu sein. Vielleicht sind sie daher nicht mehr von so großem Interesse für die heutige Jugend. Als Metal, Punk, Gothic und dergleichen begonnen haben, war ihre jeweilige Anhängerschaft noch sehr viel jünger – mittlerweile sieht das anders aus.
    Wie soll man denn auch gegen seine Eltern und die Welt der Erwachsenen rebellieren, wenn diese selbst rebellisch sind oder es zumindest mal waren? Wenn deine Eltern Punkrocker sind, und du gegen sie aufbegehren willst, wirst du das sicherlich nicht mit Punk tun… Da fällt mir das Beispiel eines Pärchens ein, mit dem ich mal befreundet war: Beide waren eingefleischte Onkelz- bzw. Deutschrockfans, und was hat die aufmüpfige Tochter gehört? Hip Hop und Helene Fischer…

    Von wegen Deutschrock – diese Szene erscheint mir im Gegensatz zu anderen relativ jung. In den letzten Jahren war ich mehrfach auf Konzerten und auch auf Festivals aus der Richtung, und dort laufen viele Fans rum, die höchstens Anfang zwanzig sind, wenn nicht jünger. Wobei ich sagen muss, dass es dort keinen wirklich gemeinsamen Nenner gibt, was Weltanschauung, Lebenseinstellung oder Kleidungsstil betrifft; beim Deutschrock geht es meiner Meinung nach wirklich nur um die Musik, nicht um philosophische Gedanken oder das Hinterfragen von gesellschaftlichen Werten (es gibt natürlich Ausnahmen). Vielleicht handelt es sich hierbei um eine Subkultur, die gerade erst im Begriff ist, zu entstehen.

    Überaus interessant finde ich eine weitere Subkultur, die in letzter Zeit ebenfalls immer mehr an Zuwachs gewonnen hat, und an der ich zwei Dinge besonders bemerkenswert finde: Nämlich erstens, dass diese Bewegung kaum etwas mit Musik zu tun hat; und zweitens das hohe Durchschnittsalter. Ich rede vom Steampunk.
    Diese Bewegung ist mir durchaus sympathisch, und ich war auch schon auf entsprechenden Veranstaltungen (aber ohne mich in diese Richtung zu kleiden, weil ich bin kein Steampunker). Zwanzigjährige trifft man dort so gut wie gar nicht, selbst mit 30 gilt man als relativ jung. Die meisten Anhänger des Steampunk scheinen eher schon die 40 oder 50 überschritten zu haben. Wobei es aber auch hier nicht um Philosophie oder Weltanschauung geht, sondern vielmehr um eine alternative (und fiktive) Welt, so wie man sie auch beim LARP oder auf Mittelaltermärkten antreffen kann.
    Dennoch interessant und auch spannend, dass sich mit dem Steampunk eine Subkultur entwickelt hat, die im Grunde genommen überhaupt nichts mit der Jugend zu tun hat. Vielleicht gerade weil die Jugend keine Subkulturen mehr erschafft?

    Zumindest eben keine „klassischen“. Seit ich den Artikel geschrieben habe, schaue ich noch etwas genauer hin, und da gibt es eine jugendliche Welt, die mir –und ich weiß, auch vielen anderen Erwachsenen – verschlossen bleibt: Nämlich Snap Chat und Instagram. Auf diesen Plattformen sind die meisten Jugendlichen unterwegs und reden in der Schule auch darüber – wer wann welches Foto gepostet hat, was in der letzten „Story Line“ zu sehen war (ich weiß noch immer nicht, wie genau diese „Story Lines“ funktionieren, auch wenn es mir schon von Jugendlichen erklärt wurde, die sichtlich erstaunt und zugleich genervt von meiner Unwissenheit waren), und welche „Filter“ (?)besonders lustig oder angesagt sind. Das gleiche gilt für Online-Spiele. Jugendliche ziehen sich mehr und mehr in die digitale Welt zurück – zumindest gegenüber Erwachsenen.
    Vielleicht sieht so die nahe Zukunft der Subkulturen aus: Keine Metaller mehr oder Gothics, sondern Benutzer/User von Instagram, Pokémon Go und so weiter. Digitale Subkulturen sozusagen.

    Was soll man davon halten? Ich stehe dem Ganzen eher ablehnend gegenüber, aber ich bin ja auch kein Jugendlicher mehr. Zu sagen ist aber, dass alle digitalen Trends extrem schnelllebig sind (beispielsweise ist Facebook bei der Jugend mittlerweile out), es gibt keine wirkliche Beständigkeit mehr. In einer solchen Subkultur (wenn es denn eine ist) wird es niemals Klassiker geben, wie etwa in der Musik. Was nicht mehr aktuell ist, ist schnell vergessen.

    Das sehe ich auch am Umgang der meisten Jugendlichen mit Musik: Wenn bei mir auf der Arbeit Schüler einmal die seltene Gelegenheit erhalten, ihr Handy rauszuholen und Musik anzumachen, dann läuft das häufig so ab, dass ein Lied angespielt wird, aber nur kurz; dann kommt das nächste; aber auch das wird nicht bis zum Ende gehört, weil man muss ja schon wieder das nächste Lied abspielen und so weiter… Sich einem Lied (oder gar einem Album!!) voll und ganz zu widmen, scheint nicht mehr möglich zu sein – wobei das leider auch auf viele Erwachsene zutrifft.

    Um im Zusammen mit der digitalen Welt noch abschließend auf Individualität zu sprechen zu kommen: Individualität sehe ich bei Jugendlichen kaum noch, es geht vielmehr um Selbstdarstellung. Wenn sich die jüngere Generation auffällig kleidet, dann genau aus diesem Grund: Um Aufzufallen. Aber eben nicht in der Schule oder privat, sondern online. Einer der zentralen Aspekte des jugendlichen Interesses sind die eigenen Profilbilder, die man bei Instagram & Co. hochlädt. Es geht bei „individuellem Aussehen“ um Klicks und Likes und Follower, nicht um irgendeine Botschaft, Zugehörigkeit oder um einen Akt der Rebellion. Was hier und da als Individualität angepriesen wird, ist eigentlich nur Oberflächlichkeit.

    Aber das hat mich schon vor vielen Jahren angefangen zu stören bzw. sogar zu erschrecken: Dass selbst der Individualismus kommerzialisiert worden ist. Die Werbung sagt einem, dass man „seinen eigenen Weg gehen“ und „seinen Träumen folgen“ soll – aber nur mit dem entsprechenden Produkt an seiner Seite. „Wenn du eigenständig sein willst, dann musst du das und das Auto fahren“ oder „den und den Duft auftragen“ – ich finde es beinahe schon pervers, wie Individualität vermarktet wird.

    So…
    … jetzt habe ich mehrere Themen angesprochen, die eigentlich schon wieder genügend Stoff für eigene Artikel enthalten, deshalb bremse ich mich an dieser Stelle mal. 😉

    Nochmals vielen Dank für die Kommentare!
    Baron v.S.

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  6. Vielen Dank für die Beobachtungen, die ich größtenteils teile (so wie ich es auch mit Deinem Beitrag auf meiner Seite unter dem Punkt „Gesellschaft“ gemacht habe :)). Das mit Obey hat mich auch schon gewundert – zu Anfang dachte ich, es sei ironisch oder so, aber die Kids in den entsprechenden Shirts sahen mir dann doch nicht so nach Ironie aus 😉 In Münster gibt es einen Spruch an der Universitätsbibliothek, „Gehorche keinem.“ Erstmal super, aber er ist so angebracht, dass sich die Gebäudeecke genau zwischen den beiden Wörtern befindet, das heißt, vom Hauptweg aus steht auf der Unibib in großen, roten Buchstaben „Gehorche“. Ich finde, das fasst Deinen Beitrag sehr schön zusammen. Traurig, aber wahr …

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  7. Hi Katja,
    ich habe „Obay“ zunächst ebenfalls für Ironie gehalten, oder eben für eine Anspielung auf den John Carpenter-Film, aber ist es ja beides nicht…
    Vielen Dank für die Verlinkung auf NRW Alternativ! Scheint mir eine erwähnenswerte Seite zu sein – momentan finde ich nur leider keine Zeit, mich eingehender mit meinem Blog oder anderen zu beschäftigen; sobald ich es aber schaffe, werde ich mir Deine Seite ausführlich anschauen!

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    1. Verehrtester Baron, vielen Dank für Deine Antwort! Freut mich, dass Dir meine Seite ebenfalls gefällt 😉 Habe Deine nun auch abonniert, denn bei mir ist es das gleiche Problem mit der Zeit 😉 Auf viele weitere kreative Ergüsse – jetzt oder später 🙂

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