Black Metal & Meditation: „Filosofem“ von Burzum

„Filosofem ist ein perfektes Album; es braucht nicht einmal Worte, weil es so vollkommen ist – man kann es nicht fassen. Wirklich erstaunlich, dass ein menschliches Wesen in der Lage war, so etwas aus dem Nichts zu erschaffen.“
– mit diesen Worten des Shining-Sängers Niklas Kvarforth beginnt das Kapitel über Burzum in Dayal Pattersons  wunderbar recherchiertem Buch „Black Metal – Evolution of the Cult“. Und dem lässt sich kaum etwas hinzufügen, denn ‚Filosofem‘ ist große und vollkommene Kunst. Viel wurde schon darüber gesagt, und noch mehr wurde diskutiert über Burzum und den Mann hinter dieser Ein-Mann-Band, namentlich Varg Vikernes. 

Wer sich über die Ansichten dieses Künstlers ein Bild aus erster Hand machen möchte, der sei an Vikernes‘ Youtube-Kanal ThuleanPerspective verwiesen. Hier soll es nun um die Musik gehen, denn ‚Filosofem‘ ist auch eines meiner Lieblingsalben.


Auf den ersten Blick ist es erstaunlich, dass diese Platte in den meisten Top10- und anderen Ranking-Listen immer wieder auftaucht, wo es doch beim ersten Hören nicht unbedingt das einhält, was man von einem Black Metal-Album erwartet. Zwar geht es kalt, schneidend und erhaben los, doch dann driftet die Musik in Ambient-Stücke ab, die augenscheinlich nichts mehr mit Black Metal zu tun haben…

Aber der Reihe nach. Kommen wir zunächst zur Aufmachung: CD-Hülle und Beiheft enthalten Bilder des norwegischen Malers Theodor Kittelsen, welcher größtenteils Naturbilder und Gemälde, inspiriert von der skandinavischen Mythologie, geschaffen hat. Malereien von tiefen Wäldern, mystischen Waldseen und vor allem von Trollen. Letztere sind auf ‚Filosofem‘ zwar nicht zu finden, jedoch ist auf der CD (zumindest auf der Version, die ich besitze) das Gemälde „Det rusler og tusler, rasler og tasler“ (in etwa „Das Gruselige und Kriechende, Raschelnde und Emsige“) abgedruckt, auf welchem ein umgestürzter Baum zu sehen ist, der etwas erschreckend Trollisches an sich hat…
Im Booklet werden die abgebildeten Werke Kittelsens näher erläutert, und zwar auf Norwegisch (was sehr zu Atmosphäre beiträgt, nur leider bin ich des Norwegischen nicht mächtig). Hinzu kommen Gedichte und die Texte der Lieder, teils in ebenfalls norwegischer Sprache gehalten, teils aber auch auf Englisch. Die Liedtitel auf der Rückseite der Hülle sind übrigens auf Deutsch abgedruckt.

Das erste, was man von ‚Filosofem‘ zu hören bekommt, ist das schleppend-machtvolle Stück Dunkelheit (im Beiheft zusätzlich unter dem Namen „Burzum“ aufgeführt, was übersetzt „Dunkelheit“ oder „Dunkelheiten“ bedeutet – dieses Wort stammt von J.R.R. Tolkien).
Krächzender Gesang (laut Vikernes mit einem Headset aufgenommen), dazu eisig-sägende Gitarren und eine Keyboard-Melodie, die einen Vorgeschmack auf die zu erwartenden Ambient-Stücke gibt. Kälte durchdringt den Hörer, und darum geht es auch im Text: Die Nacht legt sich über die Erde, die Luft und der Boden werden kalt, und das Leben erhält eine neue Bedeutung… Stimmungsvoller geht es kaum, dieses Lied ist für sich genommen schon ein Meisterwerk.

Übertroffen wird es meiner Meinung nach nur durch Jesu død (bzw. „Jesus Tod“). Ein beeindruckend musikalisches Bollwerk voller Kraft und Rhythmus, voller Kälte und Erhabenheit. Sehr hypnotisch, da im Grunde genommen sehr eintönig. Einfach und doch genial. Vielleicht das beste Lied von Burzum und wohl einer der Hauptgründe, weshalb ‚Filosofem‘ so beliebt ist. Für mich enthält dieses Stück die absolute Essenz des Black Metals, auch wenn der treibende Rhythmus eher untypisch ist, und auch der Gesang nicht unbedingt dem ‚schwarzmetallischen Standard‘ entspricht. Aber genau das macht Burzum aus: Vikernes spielt zwar Black Metal, doch irgendwie beschleicht einen das Gefühl – bei ‚Filosofem‘ und vor allem bei den aktuellen Werken – dass diese Musik mehr ist als ’nur‘ Black Metal, weil sie bekannte Muster durchbricht und neu definiert und dabei über ‚normalen‘ Black Metal hinausgeht (ohne jetzt andere hervorragende Bands herabsetzen zu wollen).
Eiskalte, präzise gesetzte Riffs, die sich ständig wiederholen und dabei so einschneidend sind, dass man sie schwerlich wieder aus seinem Geist herausbekommt. Vikernes erreicht mit seiner Musik Höhen und Dimensionen, an denen andere Bands nicht einmal ansatzweise kratzen – und dies ohne schnelles Geknüppel oder brutalen Gesang. Hier geht es nicht um Geschwindigkeit und Härte, sondern um wahrhaftig glasklare Kälte, die den Hörer in seinem primitiven Inneren berührt und zugleich auf ungeahnte Gipfel befördert. Archaisch und im selben Moment Grenzen überschreitend, spirituell stimulierende Musik.

Das nächste Stück, Erblicket die Töchter des Firmaments, ist ähnlich schleppend wie „Dunkelheit“ und nähert sich noch weiter dem Ambient an. Der Text ist melancholisch und enthält eine tiefe Verehrung des Winters und der Nacht. Er spricht von dunkler Unendlichkeit und einem Leben in ewiger Qual. Schön und depressiv zugleich. Womöglich ein Text, den ich demnächst in meiner Rubrik TraumaLyrik noch einmal ausführlich besprechen werde.

Kommen wir zu den Zwillingsstücken Gebrechlichkeit I und Gebrechlichkeit II. Musikalisch sind beide annähernd gleich, jedoch ist der erste Teil mit Gesang versehen. Vikernes bleibt dem Grundgedanken des Albums treu und behandelt weiterhin die Themen Nacht, Ewigkeit und Kälte. Beide Lieder  sind ruhig und mehr dem Dark Ambient als dem Black Metal zuzuordnen. Das bekannte Keyboard ist wieder zu hören, die Gitarren bilden eher den Hintergrund, was beide Stücke zu sehr meditativen Klangerlebnissen werden lässt. Generell kann ‚Filosofem‘ (ebenso wie andere Burzum-Platten) zur Mediation genutzt werden, was wohl auf die tiefe Spiritualität des Varg Vikernes zurückzuführen ist.

Die zwei „Gebrechlichkeiten“ erfolgen nicht nacheinander, sondern werden getrennt vom eigentlichen Kernstück des Albums, dem knapp fünfundzwanzigminütigen Rundgang um die transzendentale Säule der Singularität („Rundgåing av den transcendentale egenhetens støtte“).
Keine Gitarren, kein Schlagzeug, kein Gesang. Stattdessen eine erneute, einfach gehaltene Keyboardmelodie, unterstützt von sphärischen Synthesizer-Effekten. Vollkommen meditativ, und als einziges Stück der Platte nicht von diesen bedrohlich-hässlichen Klangstrukturen durchdrungen. Es geht hier mehr um kosmische Kälte, um das Abdriften in den Weltraum, jenseits allen Irdischen. Ein im Grunde genommen nicht ganz einfaches Stück, da man aufgrund seiner Länge viel Ruhe benötigt, um es in seiner vollen Bandbreite zu hören. Wobei hören das falsche Wort ist, man sollte besser sagen: zu erfahren.
All die hypnotischen und meditativen Aspekte der bisherigen Lieder werden hier auf ihre Essenz reduziert, die erdgebundene Dunkelheit und bisweilen auch Aggression sind vollkommen verschwunden. Man schwebt durch andere Sphären, und in Bezug auf den Titel dieses Stückes kann das gesamte Album als eine Art spiritueller Rundgang betrachtet werden:

Man beginnt in Dunkelheit („Dunkelheit“), entledigt sich dann aller Fesseln und erhebt sich aus seiner Beschränkung („Jesus Tod“), um anschließend in düsterer Gelassenheit zu schwelgen („Erblicket die Töchter des Firmaments“). Der Weg in den Kosmos führt über „Gebrechlichkeit I“ und gipfelt in Transzendenz („Rundgang…“). Gestärkt und mit neuen Erkenntnissen steigt man abschließend wieder hinab auf die Erde („Gebrechlichkeit II“). Eine stark geistige Erfahrung dieses Album, wenn man versteht, sich darauf einzulassen. Ich denke schon länger über einen Artikel nach, der sich mit Black Metal und Meditation beschäftigt, und als absolutes Paradebeispiel für das Zusammenspiel dieser beiden Elemente wüsste ich kein geeigneteres Album als ‚Filosofem‘.


Zum Abschluss noch ein eher humorvoller Umstand (was eigentlich nicht meine Art) ist: Und zwar fiel mir letztens wieder einmal auf, dass verschiedene Leute ‚Burzum‘ unterschiedlich aussprechen. Ich selber spreche es so aus, wie man es schreibt (also mit normal betontem ‚Z‘), andere sagen Bursum und wieder andere gebrauchen die englische Variante, die in etwa so klingt: Börsem.
Zufälligerweise (wenn man an Zufälle glaubt) habe ich kurz darauf das Video eines Youtubers namens Farvann gesehen, in welchem sich auf humoristische – aber durchaus respektvolle – Weise mit dieser Namenssache auseinandergesetzt wird. Darüber hinaus geht es in dem Video um die Songstrukturen von ‚Filosofem‘ – also um einen musiktheoretischen Ansatz. Von Musiktheorie verstehe ich nicht viel, und gerade deshalb möchte ich dieses Video für den interessierten Leser an dieser Stelle empfehlen: https://www.youtube.com/watch?v=YIafC4U-KF4

3 Kommentare zu „Black Metal & Meditation: „Filosofem“ von Burzum

  1. „Suddenly… life has new meaning“ … dieses Album ist der Beweis, dass Black Metal mehr als nur Musik, denn mehr eine tiefe Empfindung und eine hochgradig düstere Philosophie und innere Überzeugung ist. Etwas, was sich den meisten Leuten verschließt, weil sie sich nur oberflächlich mit der Materie beschäftigen. Doch jeder, der dieses Album verstanden hat und sich dem geöffnet hat, wird das nachvollziehen können.

    Ich hatte mir deine Rezension bereits Gestern durchgelesen und habe darauf hin, nach längerer Zeit, mal wieder die Platte auf den Teller aufgelegt. „Filosofem“ ist eine einzige Ode an die Natur, den nächtlichen Wald und die Dunkelheit in ihrer Ganzheit. Und zeigt es dem Menschen gleichzeitig seinen unbedeutenden Platz in der Unendlichkeit des natürlichen Kreislaufes auf.

    Nichtsdestotrotz: Mit Abstand das beste und bedeutendste Stück aus der Feder von BURZUM ist und bleibt für mich persönlich „A Lost Forgotten Sad Spirit“!

    Es ist eine Schande, dass die Musik heute von vielen totgeschwiegen wird – Varg Vikernes polarisiert halt. Verurteilter Mörder, Antisemit mit sonstigen fragwürdigen und teils verqueren Ansichten. Das ändert aber nichts an der Tatsache – und das ist, was viele einfach nicht wahr haben wollen – dass er diese ganzen weltlichen Dinge nahezu komplett aus seiner Musik raus gehalten hat. Die Werke BURZUMs gehören für mich, einschließlich der „Filosofem“ und der später veröffentlichten „Fallen“ zu einem untrennbaren Teil der Black Metal-Historie, genau so wie es für mich die alten Sachen von GRAVELAND sind (woraus ich auch keinen Hehl mache – „In the glare…“ gehört für mich zu einem der wichtigsten Alben aller Zeiten).

    In diesem Sinne… anbei noch ein erwähnenswertes Video von dem musikalischen Künstler Lykanthrop, der auf seinem Youtube-Channel Videos mit Cover-Songs hoch lädt – hier seine Interpretation zu „Jesu Død“:

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  2. „Es ist eine Schande, dass die Musik heute von vielen totgeschwiegen wird…“ – ja, absolut. Denn erstens ist Burzum ein überaus wichtiger Teil der Black Metal-Geschichte. Zweitens enthalten die Texte kaum Bezug zu den politischen Ansichten Varg Vikernes‘, und drittens muss man mit einem Künstler ja nicht einer Meinung sein, um seine Kunst zu mögen. Ich bin durchaus in der Lage, beides voneinander zu trennen – wenn ich das will, bei Dissection z.B. nehme ich keine Trennung vor.
    In Burzums Fall aber schon, weil ich viele Ansichten Vargs nicht gut heiße oder ablehne. Aber das hindert mich ja nicht daran, seine Musik zu genießen…

    Das Problem ist, dass wenn man eine Band mit rechten Ambitionen hört, dann wird einem schnell unterstellt, man würde sie hören WEIL sie rechts sind. Dies kann natürlich zutreffend sein, ist bei mir aber nicht der Fall. Ich höre Burzum (oder auch Bilskirnir, find ich großartig!) OBWOHL die Protagonisten sich rechtslastig äußern. Sicherlich bin ich nicht begeistert davon, aber die Kunst steht bei mir über dem Künstler, und würde ich auf Burzum verzichten, nur weil mir Vargs Meinung nicht gefällt, dann würde ich mir ja sozusagen ins eigene Fleisch schneiden, weil ich dann an diesen erhabenen Klängen und Welten nicht mehr teilhaben könnte…

    Die ganze Thematik ist nicht einfach und führt schnell zu überhitzten Diskussionen, auf die ich ehrlich gesagt keine Lust mehr habe. Sich für das, was man mag, zu rechtfertigen, sich Vorwürfe anhören zu müssen… dafür bin ich irgendwie zu müde und zu alt. 😉
    Hab auch damit gerechnet, dass ich mir aufgrund dieses Artikels den einen oder anderen blöden Spruch anhören muss (vor allem auf Facebook, wo mein Blog auch präsent ist), aber das ist zum Glück ausgeblieben. Ich wollte einfach mal über Burzum schreiben, ohne dabei irgendwie auf politische oder ähnliche Themen einzugehen, und ich hoffe, dass mir dies gelungen ist! Danke für Deinen Kommentar!

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  3. Zwar ist der Artikel schon ein paar Tage alt aber was ist schon Zeit im großen Ganzen…
    Ja, dieses Album verfolgt mich seit ungezählten Jahren wenigstens einmal im Monat und wenn auch mein persönlicher Favorit „Dunkelheit“ ist, ist alles wahr, was du darüber geschrieben hast. „Filosofem“ spricht alles in mir an, was Black Metal jemals ansprechen könnte und es gibt keine Stimmung, die nicht dazu passen würde. Man fühlt sich, als würde man vor einem großen Denkmal stehen und fragt sich: Wie können Menschen so etwas bauen?

    Zu Vikernes gibt es vermutlich nichts, was noch nicht geschrieben wurde. Seine Ambivalenz fasziniert mich mitunter, der Künstler mit einer im Black Metal raren Kreativität auf der einen, der paranoide Verschwörungstheoretiker auf der anderen Seite. Wo ich mit meinen persönlichen Dämonen nur spreche, hat er ihnen immer nachgegeben und sich so selbst zum Sklaven seiner Umgebung gemacht, die ihn durch ihr „Dagegen“ zu immer neuen spinnerten Höchstleistungen antreibt. So sehr sogar, dass er sich in tausend Widersprüche verheddert und man etwas beschämt die Hand vors Gesicht nimmt, wenn man ihn mal zufällig hört.

    Dass das Tragen von Shirts oder Aufnähern seines alten Projekts heutzutage immer noch Schnappatmung bei manchen hervorruft ist einerseits zwar bedauerlich, auf der anderen kann man aber sagen: So geht Provokation und man muss damit leben, wenn sie funktioniert. Kurioserweise würden „Ad Hominem“ Klamotten ziemlich sicher nicht annähernd das gleiche auslösen, obwohl da die politische Komponente sehr explizit ist.
    Innerhalb der schwarzen Menschen unter denen ich mich bewege, habe ich allerdings noch keine Diskussion über den politischen Part bei Burzum geführt, wohl weil es ihn einfach nicht gibt. Vermutlich würde ich die Diskussion auch gar nicht führen, wenn sie an mich herangetragen werden würde, schon allein, weil mir das Defensive und Beschwichtigende á la „bin ja nicht so“, „mag nur die Musik“ usw. zuwider ist und zu nichts führt. Ich muss mich für nichts verteidigen!

    Genießen wir also das, was geschaffen wurde und nicht das, was nachträglich reininterpretiert wurde und wird. Danke für den sehr guten Artikel.

    Bleiche Grüße
    Steinschneider

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