TraumLyrik VII: „Der Erlkönig“

Die wohl berühmteste Ballade Johann von Goethes, die den meisten wohl noch aus ihrer Schulzeit bekannt sein dürfte. In vermutlich jedem Deutschbuch wird dieser Text behandelt, meist mit der Aufgabe versehen, ihn neu zu interpretieren – sei es musikalisch, malerisch oder in zeitgemäßen Worten. Nichtsdestotrotz gehört der Erlkönig zu den herausragendensten Werken des weimarer Dichters und erweist sich als absolut würdig, auf SchädelTrauma besprochen zu werden.

Als ich sie zu meiner Schulzeit kennenlernte (muss ca. in der siebten Klasse gewesen sein) war ich gerade damit beschäftigt, Stephen Kings „Es“ zu lesen. Sofort gefiel mir der Erlkönig, denn die Parallele zu dem Wesen aus „Es“ ist unverkennbar – beide verführen und töten Kinder, beide können von Erwachsenen nicht gesehen werden.
Wobei es beim Erlkönig natürlich auch die Interpretation gibt, dass der Junge sich diesen nur einbildet – dass der König nur ein Phantasiegebilde ist, geboren aus dem Fieberwahn des Kindes. Von dieser Ansicht halte ich aber nichts. Geschichten, in denen übernatürliche Dinge am Ende damit erklärt werden, dass sie nur Einbildung waren, entsprechen so gar nicht meinem Geschmack. Ich bin kein Freund von rationalen Erklärungen, Phantastisches muss phantastisch bleiben. Von daher gehe ich davon aus, dass der Erlkönig in Goethes Ballade ein real existierendes Wesen ist, und kein Hirngespinst.


Mich interessiert nun, woher diese Figur eigentlich stammt. Dass es sich um eine reine Erfindung Goethes handelt, kann ich mir kaum vorstellen, denn Goethe hat in seinen gesamten Werken immer wieder auf Figuren und Charaktere aus Volksmärchen, Sagen und Legenden zurückgegriffen. Und so auch hier:
Im deutschen Mythenschatz kennt man den Zwergenkönig Alberich, der mal wohlwollenden, mal übelwollenden Charakters ist. Aufgrund seiner Tarnkappe (alternativ wird auch ein magischer Ring genannt) vermag er sich unsichtbar zu machen; zudem ist er als Zwerg ein Angehöriger des Elfen- bzw. Schwarzelfenvolkes und wird in den meisten Quellen als deren König angeführt – womit man statt Erlkönig auch Elfenkönig sagen könnte. Einen solchen gibt es auch in dem dänischen Gedicht „Herr Oluf“, auf dem wohl Goethes Text basiert: Herr Oluf ist auf dem Weg zu seiner Hochzeit, wird unterwegs aber von der Tochter des Erlkönigs (welcher hier Ellerkonge, also eben Elfenkönig heißt) aufgehalten, die ihn verführt. Wie auch der Junge in Goethes Ballade findet Herr Oluf durch diese Begegnung den Tod.
Alberichs Name wiederum deutet ebenfalls auf böse Absichten hin: Während die zweite Silbe rich einfach nur König bedeutet, steht alb zugleich für die Farbe Weiß (zu finden beispielsweise in den weißen Bergen, den Alpen, oder in dem altertümlichen Namen für Britannien, nämlich Albion). Zugleich bedeutet diese Silbe Furcht, bekannt aus unserem Wort Albtraum. Der Ursprung dieser Silbe ist im griechischen Heidentum zu finden, wo es eine weiße oder bleiche Göttin namens Alphito gibt, welche die Macht besaß, einen Menschen mit Lepra zu schlagen (und somit Furcht verbreitete).

Es gibt dazu einen interessanten Artikel auf heise.de, in welchem die Ursprünge des Erlkönigs über die Germanen, Kelten und Griechen bis in den Nahen Osten zurückverfolgt werden. Wissenswertes über Albion findet sich auf germanen-plakat.de.


Nun gibt es verschiedene musikalische Interpretationen des Erlkönigs. Mir persönlich sagt die Version von Franz Schubert sehr zu, weshalb sie an dieser Stelle auch erwähnt sei: Dramatisch und bedrohlich, mit verführerischem Unterton und einem abruptem, zum letztendlichen Tod des Jungen passenden Ende.

Auch andere Musiker haben sich inspirieren lassen, und daher kann getrost gesagt werden, dass Goethe mit seiner Ballade einmal mehr einen Klassiker geschaffen hat, dessen Ursprung tief in der heidnischen Mythenwelt wurzelt. Schade, dass die meisten Menschen mit dem Erlkönig lediglich ihren Deutschunterricht verbinden – und damit mit dem Zwang, sich mit diesem Werk beschäftigen zu müssen. Lehrer zwingen ihre Schüler dazu, den Erlkönig als Klassiker anzuerkennen, was natürlich ablehnende Reaktionen hervorruft und dazu führt, dass ein Großteil diese Ballade schnell wieder vergessen will. Bedauerlich, denn der Erlkönig ist es durchaus wert, dass man ihm auch als Erwachsener Beachtung schenkt.

Hier nun der Text:

 

„Der Erlkönig“

von Johann Wolfgang von Goethe

 

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.

Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? –
Siehst Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig mit Kron und Schweif? –
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. –

„Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
Gar schöne Spiele spiel ich mit dir;
Manch bunte Blumen sind an dem Strand,
Meine Mutter hat manch gülden Gewand.“

Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlenkönig mir leise verspricht? –
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
In dürren Blättern säuselt der Wind. –

„Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
Meine Töchter sollen dich warten schön;
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
Und wiegen und tanzen und singen dich ein.“

Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter am düstern Ort? –
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh es genau:
Es scheinen die alten Weiden so grau. –

„Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt.“
Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!
Erlkönig hat mir ein Leids getan! –

Dem Vater grauset’s, er reitet geschwind,
Er hält in den Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Mühe und Not;
In seinen Armen das Kind war tot.

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