Der Totenkopf als Symbol

Es ist an der Zeit, sich dem Namensgeber dieses Blogs zu widmen, nämlich dem SCHÄDEL.
Ich will hier jetzt keine ellenlangen Listen darüber aufführen, wo der Totenkopf überall Verwendung findet. Jeder von uns wird regelmäßig mit diesem Symbol konfrontiert, im Black Metal sowieso. Der Anblick eines bildlichen Schädels ist heutzutage wohl normal geworden, zumal er auch in vielen Fällen zu einem modischen Accessoire degradiert wurde.
Schockieren tut er niemanden mehr, und nur selten weckt sein Anblick dunkle, mystische oder bedrohliche Assoziationen. Totenköpfe sind – leider – zur Massenware verkommen.

Dennoch bleibt uns der Schädel erhalten, vor allem in den dunklen Künsten. Und obwohl ich ihn eben als „Massenware“ bezeichnet habe, und ich mich von derlei Dingen eigentlich gerne distanziere, ist der Schädel doch das dominante ästhetische Mittel meiner Internetseite.
Die Frage lautet nun: Warum? Also nicht nur „Warum habe ich den Schädel zum Teil meines Blogs gemacht“, sondern auch „Warum finden Totenköpfe noch immer Verwendung in Subkulturen, im Metal, in Horrorfilmen etc.?“. Wieso kommt er nicht aus der Mode, selbst in Kreisen, die sich eigentlich gegen Mode aussprechen? Ob du ein Pop-Sternchen bist oder ein böser Death-Metaller, du verwendest Totenköpfe. Ob auf pinken T-Shirts oder in schwarz gestrichenen Wohnungen – überall Schädel. Der Schädel ist universal, und es gelingt ihm erstaunlicherweise, gleichzeig Mainstream UND Underground zu sein.

Vielleicht ist gerade seine Universalität dasjenige Element, das ihn so allgegenwärtig werden lässt. Jeder Mensch kann etwas mit einem Totenkopf anfangen, denn jeder Mensch hat einen. Der Schädel ist eine Sache, die uns alle verbindet: Ganz egal, wer oder was du bist, wo du herkommst oder was du tust, unter deiner Haut – gleich welcher Farbe sie ist – befindet sich ein Totenkopf.
Nun benutzt aber niemand den Schädel als Symbol für Humanismus oder Völkerverständigung. Gerade im Black Metal und ähnlichen Kunstformen steht er vielmehr für Misanthropie, für Menschenhass und grausige Todesformen. Hier ist er dunkel und erschreckend, ein Symbol des Bösen. Sehr viel eindringlicher als ein Pentagramm oder ein umgedrehtes Kreuz, denn während diese beiden Zeichen irgendwie christlichen Ursprungs sind (vor allem natürlich das Kreuz), ist der Totenkopf weder an Religion, noch an Tradition oder Kultur gebunden. Er ist das universelle, ultimative Symbol der Finsternis.

Aber nicht nur. Seine Bedeutungen sind mannigfaltig: So gilt er – und es missfällt mir, dies schreiben zu müssen – in der Popkultur als cool oder trendy, womöglich gar als rebellisch (wobei ich in diesem Fall von Pseudo-Rebellion sprechen würde, denn der Totenkopf als Trend hat mit Sicherheit nichts Rebellisches an sich). Andere gebrauchten ihn als Kriegssymbol und zur Abschreckung von Feinden – so etwa die SS der Nazis oder die Piratenschiffe zu Beginn der Neuzeit. Zu anderen Zeiten (und teilweise noch heute) hatte er gar eine spirituelle Bedeutung, und eigentlich gar nichts Böses an sich. – Dazu zwei Feststellungen des schwedischen Pathologen Folke Henschen, aus seinem Buch „Der menschliche Schädel in der Kulturgeschichte“:

„In den ältesten Kulturen, die wir durch Überreste von Schädeln kennen, also während der frühen Steinzeit, symbolisierte das Kranium [Knochenschädel der Wirbeltiere, also auch des Menschen] oft die Kraft und Klugheit der Vorfahren, und wurde bisweilen als ein kostbares Kleinod aufgehoben. Die Schädel der Feinde wurden Trophäen, die man stolz sammelte und schmückte.“

„Die Sitte, die Köpfe der Hingeschiedenen aufzuheben, ist, wie oben erwähnt, uralt und sehr verbreitet, sowohl bei primitiven Völkern wie bei höher stehenden, die katholische Kirche nicht zu vergessen. Den übrigen Körper lässt man vermodern, oder er wird den wilden Tieren preisgegeben, aber der Kopf wird bewahrt, mit oder ohne Haut und Haare.“

Interessanterweise scheint der Totenkopf während der Erscheinungszeit besagten Buches noch nicht so allgegenwärtig gewesen zu sein wie heute, denn im Vorwort heißt es:

„Eine Studie über das Kranium in der Kultur- und Kunstgeschichte wirkt vielleicht für den Laien abstoßend und makaber, denn das Knochengerüst und der Totenkopf ist heute fast vollständig aus unserem Blickfeld verschwunden.“

Das Buch stammt aus den Sechzigern, und man kann davon ausgehen, dass der Schädel damals noch keinen Einzug in den Alltag gefunden hatte. Überhaupt stellt sich die Frage, seit wann man ihn denn allerorten antreffen kann. Ich kann nur Vermutungen aufstellen, aber ich denke da an gewisse Rockgruppen, die gegen Ende der Sechziger entstanden sind und sich in ihrem okkulten Kontext der Totenkopfsymbolik bedienten: Black Sabbath, Coven, Black Widow und andere. Dort wurde erstmals gezielt über Okkultismus und Teufelsanbetung gesungen, und natürlich fanden sich Schädel auf Plattenhüllen und Band-Fotos.
Ob der Totenkopf wirklich mithilfe der Rockmusik in unser alltägliches Leben gelangt ist, kann ich nicht sagen, aber möglich wäre es; dies würde auch seine oben genannte rebellische Attitüde erklären.

Erwähnenswert finde ich auch folgenden Gedanken aus einem Buch über den mittelalterlichen Totentanz („Der tanzende Tod“ von Gerd Kaiser):

„Und merkwürdig, wenn nicht gar beängstigend, ist der Umstand, dass die zeitgenössische Kunst- und Theaterszene das Thema des Totentanzes neu entdeckt. Denn, wann immer dies in der Vergangenheit geschah, wann immer also der Totentanz zu den Requisiten einer Zeitstimmung gehörte, war dies ein Zeichen für ein unterschwelliges Krisengefühl, für verborgene Ängste und Befürchtungen.“

Diese Kunstform (in Gestalt von Musik, Schauspiel, Lyrik und Gemälden) entstand zur Zeit der europäischen Pest – und könnte man heutzutage nicht Black Metal, Death Metal, Gothic und dergleichen als eine neuere Form des Totentanzes betrachten?
Könnte unsere heutige Totenkopfsymbolik also ein Spiegel jenes pessimistischen Gefühls sein, welches so viele Menschen empfinden? Ein Spiegel der Angst vor Arbeitslosigkeit, vor Krieg, vor Armut? Symbolisiert der Schädel den Niedergang unserer Gesellschaft, den Verfall moralischer Werte, der so oft bemängelt wird? Ich teile diesen Pessimismus nicht, weise aber auf einen Artikel/eine Ansprache hin, wo der Black Metal als Symbol eben jenes gesellschaftlichen Abstiegs bezeichnet wird (und der meine gegenteilige Meinung dazu enthält).


Ich gehöre nicht zu denjenigen, die sich über sinkende Moral beschweren, trotzdem benutze ich Totenköpfe. Ich betreibe keinen Ahnenkult, und doch sind Schädel Teil meines persönlichen Ausdrucks (z.B. als Tätowierungen). Weder will ich mit Totenköpfen provozieren, noch will ich damit rebellieren oder jemanden erschrecken. Ich empfinde sie als ästhetisch. Ich erkenne ihr hohes, symbolisches Potential an, denn sie verkörpern die universale Finsternis. Nichts anderes steht so sehr für Dunkelheit wie der Schädel. Jenseits von religiösen Dogmen, von gesellschaftlichen Konventionen, von kulturellen Bräuchen; und zugleich ein Teil von all diesen Dingen.

Jede (heutige sowie vergangene) Kulturreligion hat ihr Symbol der Finsternis: Die Christen haben ihren Satan, die Germanen ihre Riesen und den Ur-Abgrund (Ginnungagab), die Griechen ihre Titanen und ebenfalls einen Abgrund (Abyssos oder Chaos). Die Juden sprechen von Satan und Tehom bzw. Qliphot (beides steht für die dunkle Seite unserer Welt), bei den Sumerern war es die Drachen- und Chaosmutter Tiamat. Ich will jetzt nicht hunderte von Mythologien aufzählen – deutlich soll nur werden, dass jede Kultur ihre eigenen Bilder von Tod und Dunkelheit hat, und dass es aber ein Bild gibt, dass sie alle gemein haben: Nämlich das des Schädels.
Und wenn man sich nun nicht an ein bestimmtes religiöses System binden will, dann kann man kein anderes Symbol wählen als ihn. Dann bedeutet der Totenkopf sogar Freiheit. Und dies passt zu den Dingen, die er repräsentiert – denn Tod und Dunkelheit sind unendlich und grenzenlos.

Der Tod ist zudem philosophisch und erkenntnisreich. Im germanischen Heidentum erhängt Odin sich, um Weisheit zu erlangen. In der jüdischen Kabbala bedeutet das Betreten eines todesähnlichen Zustandes („Daath“) Offenbarung. Viele religiöse Charaktere (Osiris, Gilgamesch, Jesus , Baal) sind gestorben, um dann machtvoll und weise zurückzukehren.
Auch Philosophen wie Platon, Cicero oder Schopenhauer waren der Ansicht, dass der Tod der eigentliche Grundtrieb der Philosophie ist, dass philosophisches Streben mit der Betrachtung des Todes einhergeht.

Nun kommen einem aber nicht sofort tiefgründige Gedanken, wenn man einen Totenschädel sieht. In erster Linie nimmt man ihn ästhetisch war. Aber vielleicht ist es kein Zufall, dass tiefgründige Menschen sich häufig mit ihm umgeben – seien es Mönche, Gothics, Anhänger des Black Metals oder allgemein düster veranlagte Künstler. Der Schädel wird dadurch vielleicht (und sicherlich unbewusst/unterbewusst) zum Symbol von Philosophie und dem Streben nach Erkenntnis.

In jedem Fall weckt er Gefühle. Diese können negativer Natur sein (wenn man sich vor dem Tod ekelt oder ihn schrecklich finden – was meistens damit einhergeht, dass man den Tod nicht als Teil der Welt akzeptiert hat) oder sie sind positiv besetzt, in Form von ästhetischen und/oder spirituellen Empfindungen.
In einem Werk über Todesdarstellungen in der Kunst von Walther K. Lang („Der Tod und das Bild“) heißt es dazu:

„Die menschlichen Knochen sind in jedem Fall stark affektiv besetzt, ganz gleich ob sie lustvoll gruseligen Schockwirkungen dienen (zum Beispiel im Gruselkabinett auf dem Jahrmarkt) oder der mönchischen Meditation über die Nichtigkeit des irdischen Daseins.“

Und abschließend dazu Gotthold Ephraim Lessing:

„Das menschliche Skelett ist schön; es sind nur die Nebenvorstellungen von Sterbenmüssen, von Grabesdunkel, Verwesung, Gericht, welche es mit dem herkömmlichen Grausen umgeben haben.“

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