Die Musik der Einzelkämpfer

Es ist auffällig wie bezeichnend, dass der Black Metal unter seinen Geschwistern dasjenige Genre ist, in welchem die meisten Ein-Mann-Bands existieren. Mit Sicherheit gibt es auch Death oder Thrash Metal-Bands, die nur aus einer Person bestehen, doch auf Anhieb ist mir da keine bekannt…

Ich will ein wenig der Frage nachgehen, woran dies wohl liegen mag. Wirklich eine Antwort darauf finden werde ich nicht können, denn ich bin kein Musiker. Aber ich schreibe, und auch das tut man ja in der Regel alleine.


Der Vorteil des Solisten ist sicherlich der, dass man sich nicht mit anderen Bandmitgliedern arrangieren muss. Man selbst ist alleiniger Herr über das Schaffen der Band (abgesehen von evtl. Einmischung seitens des Produzenten oder der Plattenfirma), alle Kreativität ist nur auf das eigene Ich konzentriert. Man geht in der Musik vollends auf, sie enthält keinerlei (oder nur kaum) Einflüsse anderer Personen. Dies ist absolute, künstlerische Individualität.

Ich halte es für keinen Zufall, dass es gerade im Black Metal so ist. Individualität steht hier im engen Zusammenhang mit Abgrenzung zu seinen Mitmenschen, und ein Ein-Mann-Projekt verkörpert eben genau dieses. Black Metal ist nicht unbedingt auf Geselligkeit ausgerichtet oder auf Gemeinschaft (auch wenn viele das anders sehen), und so gibt es Musiker, die ihr Werk gemeinschaftslos verrichten. Alleine, nur mit sich selbst beschäftigt, frei von den Wünschen und Bedingungen anderer.

Mir persönlich sagt die Musik, die aus einer solchen Abgeschiedenheit hervorgeht, größtenteils mehr zu als die Musik von Bands, die aus mehreren Mitgliedern bestehen. Natürlich gibt es auch genügend konventionelle Bandgefüge, die ich mag, aber die Kunst der Einzelgänger spricht mich häufiger an: Ich denke da an Nargaroth, an Burzum, an Judas Iscariot – alles Einzelkämpfer, deren Musik ich mit als das Höchste erachte, zu dem Black Metal fähig ist.

Auffällig auch – oder scheint es nur so? – dass gerade die Solisten diesen kalten, monotonen Stil betreiben, diese sich ständig wiederholenden Riffs, die nicht viel Platz für Abwechslung lassen (Ausnahmen wie Darkthrone bestätigen die Regel). „Jesu‘ Tod“ von Burzum, „Seven Tears are flowing to the River“ von Nargaroth – sehr eintönige Stücke, aber an Atmosphäre und Erhabenheit nicht zu überbieten.
Liegt dies an mangelnden Einflüssen seitens anderer Bandmitglieder? Wenn eine Band gemeinsam ein Stück einspielt, fließt in dieses die Kreativität aller Beteiligten mit ein. Beim Solokünstler gibt es aber nur eine einzige Form von Kreativität, nämlich seine eigene. Auf diese Weise könnte man die „Eingeschränktheit“ derartiger Kunst erklären – eine Eingeschränktheit, die gerade deshalb aber rein und ur-persönlich ist, und aus welcher die besten Black Metal-Stücke entstehen…

Einzelgängertum passt aber auch hervorragend zum Schwarzmetall. Es entspricht diesem romantischen Ideal des grimmigen Nordmannes. Eine gute Beschreibung dessen findet sich in Jan G. Grünwalds Buch „Male Spaces – Bildinszenierungen archaischer Männlichkeit im Black Metal“ , wobei gleichzeitig noch die Abgrenzung des Black Metals zu normalem Metal betont wird: „Das Bild des Heavy-Metallers, der mit seinen Mitmusikern biertrinken in die Kamera brüllt, wird ersetzt durch das Bildideal des einsamen nordischen Kriegers, der sich, teils mit hasserfülltem, teils mit melancholischem Blick, der Dunkelheit, Naturlandschaften und mittelalterlichen Szenen hingibt…“
Der Einzelkämpfer ist ein männlicher Archetyp: Der Einsame Wolf, der Außenseiter, der Desperado, der Cowboy, der alleine in den Sonnenuntergang reitet… Männliche Romantik, durch und durch.

Auch an mythologischen Vorbildern mangelt es nicht, und diese tauchen betont wiederholt in Liedtexten, Band- oder Künstlernamen auf: Der Einherjer etwa (was mit Einzelkämpfer übersetzt werden kann), welcher sich seinen Ruhm aus eigener Kraft verdient hat, und nun an Odins Tafel sitzen darf. Oder Odin selbst, der häufig als einsamer Wanderer durch die Welt zieht, einzig begleitet von seinen Raben. Loki, der einzige Riese, der unter den Göttern wandelt und als einziger den Mut hat, diese auf ihre Fehler hinzuweisen.
Satan, der Rebell in der Engelsgemeinschaft, der gegen Jehova bzw. Allah aufbegehrt und seinen eigenen Weg geht.
Prometheus, der als einziger die Erkenntnis der Menschheit fördern will und dadurch gegen die Gesetze Zeus‘ und der übrigen Götter verstößt. Ebenso sein römischer Amtskollege Luzifer, Sohn der Venus, der sich nicht an Jupiters Auflagen hält und eigenmächtig das Licht zu den Menschen bringt.
Auch der gewalttätige (und zugleich schamanisch veranlagte) ägyptische Gott Seth steht meist als Einzelgänger der Gemeinde der übrigen Götter gegenüber.

Der Einzelkämpfer ist ein Ideal des Black Metals. Verknüpft wird er mit Abgrenzung, mit Individualität und mit Rebellion. Anders sein als andere, selbst anderen (Black) Metallern gegenüber. Aus diesem Ideal – aus diesem Archetyp – heraus finde ich es nur logisch, dass sich im Schwarzmetall so viele Solokünstler tummeln. Denn hier werden gesellschaftlich negative Dinge wie Einsamkeit, Misanthropie und Abschottung als positiv, als gar erstrebenswert, angesehen.

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