Ist Black Metal anti-objektiv?

Immer wieder lese ich in Interviews oder auf Internetseiten Aussagen von Verehrern des Black Metals, dass sie besonders großen Wert auf eine subjektive Betrachtungsweise legen, sei es Rezensionen betreffend, den allgemeinen Umgang mit Musik oder sonstiges. So steht beispielsweise auf der Seite von Black Salvation folgende Aussage zu lesen: „Alles, was ihr in Zukunft auf Black Salvation lesen werdet, ist immer komplett subjektiv gehalten; das heißt, dass Objektivität (so sehr mir diese im real life auch wichtig ist), hier nicht gerade außen vor bleibt, aber dennoch nur äußerst rudimentär vorhanden ist.“
Aus einem (elektronischen) Briefwechsel zwischen mir und Kraehenblut, dem Betreiber von Unholy Black Art of Ritual, ergab sich von Seiten Kraehenbluts diese Äußerung: „Auch gerade durch diese gezielt subjektive Note möchte ich dem Leser eine Alternative zu den meiner Meinung nach immer stumpfer werdenden Magazinen und Online-Zines geben, bei denen wohl immer öfters Quantität über Qualität geht.“
Bei eingehender Recherche könnte ich noch weitere Beispiele darüber anführen, welch wichtigen Status die Subjektivität innerhalb des Black Metals einnimmt. Ich selber bilde da keine Ausnahme – auch ich bin der Meinung, dass Kunst generell nicht sachlich betrachtet werden sollte (höchstens ansatzweise), weil dadurch ihre wichtigsten Aspekte – Magie, Emotion, individueller Eindruck – verloren gehen. Viele Künstler aller Sparten würden mir sicherlich zustimmen, aber gerade im Black Metal wird immer wieder bewusst betont, wie wichtig Subjektivität ist.

Woran liegt das? Ist es, weil der Black Metal sich noch immer als Rebell versteht, der gegen gesellschaftliche Normen aufbegehrt? Und weil Objektivität heutzutage eine solche Norm darstellt?
Denn das tut sie: Man misst dem Verstand mehr Bedeutung zu als dem Gefühl, der Rationalität mehr Bedeutung als der persönlichen Empfindung. Wenn heutzutage etwas nicht logisch begründet werden kann – sei es eine Tat, eine Aussage oder was auch immer – dann wird dies belächelt. Dann schüttelt man den Kopf, lacht vielleicht darüber, nimmt es nicht ernst oder bezeichnet den Nicht-logisch-Handelnden gar als verrückt. Alles muss verstandesgemäß nachvollziehbar und rational erklärbar sein; eine Tat aus purer Emotion heraus wird meist als dumm oder minderwertig betrachtet.
Nehmen wir als Beispiels den Streit zwischen Religion und Wissenschaft: Erstere wird belächelt, weil sie durch die zweite nicht bewiesen werden kann. Religion ist nicht sachlich oder logisch, also ist jeder Gläubige irgendwie ein Spinner. Das Maß aller Dinge ist die wissenschaftliche Beweiskraft.

Und dergestalt wird auch der Black Metal behandelt: Was reden diese Leute von Erhabenheit, von Spiritualität? Wieso ziehen viele von ihnen eine Trennlinie zwischen normalem Metal und Black Metal? Black Metal ist doch auch einfach nur Musik, oder nicht? Nein, ist er nicht. Er ist viel mehr – aber ein vorwiegend rational veranlagter Mensch wird dies kaum erfassen können.

Woher kommt diese Hörigkeit gegenüber dem Verstand? Wie gelangte die Logik auf ihren Thron? Antwort: Durch die Aufklärung. Die Aufklärung verbannte den Aberglauben und mit diesem gleich den gesamten Glauben dazu. Sie setzte die Rationalität an erste Stelle, alles andere wurde für weniger wertvoll erklärt.
Zugegeben – wir verdanken dieser Epoche auch einige Siege, beispielsweise die Befreiung von der Hörigkeit gegenüber Christentum und Kirche. Demzufolge war die Aufklärung zu Beginn eine Waffe, ein Befreiungsschlag. Doch dann – wie es so oft geschieht in der Geschichte – wurde aus dem Befreier selbst ein Tyrann. Der wohl bedeutendste Aufklärer, Emanuel Kant, hat gesagt: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ Dem stimme ich zu. Jedoch: Bediene dich deines Verstandes mag zwar die eigentliche Aussage sein, in der Realität bedeutet es aber: Diene deinem Verstand.

Gefühle müssen sich in unserer Gesellschaft dem Verstand unterordnen. Sie sind nur dann legitim, wenn sie logisch sind. Wenn sie durch die Wissenschaft erklärt werden können. Nicht-rationale Gefühle sind dumm, verrückt oder sogar gefährlich.
Aber die Wissenschaft irrt, denn in Wahrheit verhält es sich anders herum: Der Verstand dient dem Gefühl. Denn alles, was wir tun, dient in Wahrheit der Befriedigung irgendeiner Emotion.
Zur Veranschaulichung: Wer sich für eine Sache entscheidet, die den Emotionen zugegen läuft, dafür aber einen wirtschaftlichen Gewinn bedeutet, der handelt nach heutigem Verständnis rational und logisch: Am Ende springt Geld für ihn heraus. ABER – das Verlangen nach Geld steht in direktem Zusammenhang mit Gefühlen: Mit der Angst vor Armut, mit der Gier nach Besitz, mit dem beruhigenden Gefühl, finanziell abgesichert zu sein. Mit der Freude, die Geld einem durchaus bescheren kann. Wer sich rational für wirtschaftlichen Gewinn entscheidet, der tut dies, um irgendeine gute Emotion zu verstärken oder um eine schlechte abzuschwächen – demnach dienen hier Rationalität und Verstand den Gefühlen, nicht umgekehrt.

Wer eine dumme – weil gefährliche – Sache nach reichlichem Gebrauch seines Verstandes unterlässt, der tut dies aus seinem Bedürfnis nach Sicherheit und/oder aus Angst heraus.
Wer eine Arbeit rational erledigt (soll heißen: schnell und effektiv), der tut dies aus verschiedenen Gründen: Er will schnell fertig werden und Feierabend machen (Bedürfnis nach Freiheit); er will von seinem Kollegen gelobt werden (Eitelkeit, Bedürfnis nach Anerkennung) und so weiter.
Jede rationale Handlung dient den Gefühlen. Jede rationale Handlung dient den Bedürfnissen – und diese sind Gefühle.

Warum aber wird diese Tatsache so oft verleugnet? Warum schämt man sich, wenn man etwas Unlogisches tut? Warum empfindet man Emotionen häufig als Schwäche? Warum wird der Verstand mehr geschätzt als das Herz? Weil unsere Gesellschaft Rationalität verlangt. Und wir fügen uns diesem Dogma aus Angst, ausgelacht zu werden. Oder damit wir stolz auf unsere Intelligenz sein können. Vielleicht auch, um uns denen überlegen zu fühlen, die nicht so klug sind wie wir.
Im Grunde genommen ist das Hochhalten von Objektivität Heuchelei: Der Mensch der westlichen Zivilisation will als intelligent wirken, nicht als emotional. Dieses Wollen beruht aber auf Emotionen, was der Mensch der westlichen Zivilisation aber niemals zugeben würde. Deshalb versteckt er sich hinter Sachlichkeit bzw. gibt vor, objektiv zu sein.

Aber niemand ist objektiv. Der deutsche Lyriker Erich Limpach hat gesagt: „Objektivität stellt immer nur den Versuch dar, objektiv zu sein.“ Der schottische Psychiater Ronald D. Laing war der Ansicht: „Nichts ist subjektiver als eine Objektivität, die gegen die  eigene Subjektivität blind ist.“ Und der französische Philosoph Alain de Benoist stellt fest: „Vom Wesen her ist der Mensch in der Lage, dem Rationalen zuzustreben, aber nicht rational zu sein – er kann höchstens versuchen, auf rationale Weise das irrationale Wesen zu erforschen, das er immer bleiben wird.“

Wir alle haben unsere eigenen Meinungen und Ansichten, deshalb können wir nicht objektiv sein. Wir können es versuchen, doch wir werden daran scheitern. Und sollte es uns dennoch gelingen, so verleugnen wir damit unsere Gefühle. Ohne Gefühle sind wir aber keine Menschen mehr, sondern Maschinen.

Was bedeutet überhaupt Objektivität? Dinge ohne Emotion zu betrachtet – aber was bedeutet das genau? Wenn man ein Ding sachlich betrachtet, dann verleiht man ihm keinerlei Wert – und dadurch wird es wertlos. Wertlose Dinge machen keinen Sinn – sind also unlogisch. Die Logik hebt sich damit selbst aus den Angeln.

Objektivität ist also nicht nur Heuchelei, sondern auch ohne Wert. Sie ist auch Feigheit, denn sie bezieht in keinster Weise Stellung. Im Grunde genommen ist sie ein Schutz: Schutz vor Entscheidung, Schutz vor Verantwortung. Demnach dient sie wiederum einem Gefühl, nämlich der Angst. Wer Objektivität und Sachlichkeit hochhält, der hat Angst.

Um eines klar zu stellen: Wir alle sollten unseren Verstand benutzen. Er bewahrt uns vor Fehlern und kann uns Vorteile verschaffen. Ohne Emotion sind wir Maschinen, ohne Verstand sind wir Tiere. Da wir aber Menschen sind, besitzen wir beides, und beides sollte auch genutzt werden. Allerdings sollte man dabei nicht vergessen, dass der Verstand lediglich ein Werkzeug ist: Denn wir sind immer noch mehr Tier als Maschine.

Wenn nun jemand behauptet, sein Geist und die Musik, die er hört, seien erhabener als die Geister und Musiken anderer – dann ist dies seine subjektive Empfindung. Und noch mehr: Dann schämt er sich nicht seiner Subjektivität, dann schämt er sich nicht dafür, dass seine Anschauung emotionaler Natur ist. Dann ist er kein Heuchler, der vorgibt, rational zu sein. Er hat keine Angst davor, belächelt oder ausgelacht zu werden – nein, er ist stolz, und er verleiht den Dingen einen Wert und gibt ihnen Sinn. Dies macht ihn wahrhaftig erhaben gegenüber all den neutralen Grau-Denkern, die Geist und Musik vorwiegend sachlich betrachten. Die ihre Musik als ein Genre unter vielen sehen, so wie es der objektive Geist unserer Zeit verlangt, und die damit ihrer Musik jeglichen Wert absprechen.

Der Black Metal schämt sich nicht. Im Gegenteil – er posaunt noch hinaus, wie sehr er die Rationalität verachtet und betont, wie wichtig ihm eigene Meinung, Persönlichkeit, Individualität und Subjektivität sind. Er versteckt sich nicht hinter falschen Idealen, denn er weiß, dass jegliche Logik einzig der Erfüllung von Emotionen dient.

Die Eingangsfrage lautete: „Ist Black Metal anti-objektiv?“ Ich sage: „Ja, das muss er sein!“
Leider – leider – ist er dies nicht immer. Es gibt auch angepassten Black Metal. Bands und Fans, die sich in den Reigen der gewöhnlichen Genres stellen und erklären – ganz rational – dass Geschmäcke nun mal unterschiedlich sind, dass sich über Geschmack nicht streiten lässt, dass logisch betrachtet jede Musik gut ist. Von mir aus kann jede Musik auch gut sein – wertvoll ist jedoch nur diese, die sich selbst als solches bezeichnet.
Und von wegen über Geschmack lässt sich nicht streiten: Ich gehe da mit Nietzsche und seinem Zarathustra konform, der ausruft:

„Und ihr sagt mir, Freunde, dass nicht zu streiten sei über Geschmack und Schmecken? Aber alles Leben ist Streit um Geschmack und Schmecken! Geschmack: Das ist Gewicht zugleich und Wagschale und Wägender; und wehe allem Lebendigen, das ohne Streit und Gewicht und Wagschale und Wägende leben wollte!“

 


Zu diesem Thema gibt es noch einiges mehr zu sagen. So könnte man beispielsweise Überlegungen zu dem ebenfalls objektiven Begriff Neutralität anstellen, und darüber nachdenken, in wieweit Neutralität als Angst vor Verantwortung oder als Unentschlossenheit/Zweifel/Willensschwäche bezeichnet werden könnte.
Auch die Romantik – als Gegenbewegung zur Aufklärung – sollte noch einmal näher beleuchtet werden.
Da ich aber den Rahmen dieses Artikels nicht sprengen möchte, und zudem weiterführende Gedanken erst noch sortiert werden müssen, komme ich hiermit zu einem vorläufigen Ende. Es liegt sehr im Bereich des Wahrscheinlichen, dass es eine Fortsetzung zur Thematik Subjektivität/Objektivität geben wird, aber wann und wie genau, kann ich jetzt noch nicht absehen.

 

2 Kommentare zu „Ist Black Metal anti-objektiv?

  1. Moin,

    wie immer ein sehr guter Artikel, der sich ja nicht nur allein auf den Black Metal beschränkt, sondern auch vielleicht den ein oder anderen Außenstehenden einen Denkanstoß in die richtige Richtung geben wird.

    Um auf die Sache mit den Rezensionen einzugehen: natürlich kann man hier auch ein gewisses Maß an Objektivität walten lassen. Dinge wie die Produktion einer Platte/Scheibe/Kassette oder auch die Art der Aufmachung sind ja nun auch einzelne Elemente, die direkt auffallen. Aber bei der musikalischen Darbietung geht es doch schon los – merkt man als Hörer der Gruppe gleich an, dass hier einfach nur etwas „runtergeleiert“ wird oder ist man wirklich mit Herzblut an die Sache herangegangen? So etwas lässt sich rational nicht erklären, jemanden, der „die Musik einfach nur hört“ wird man so etwas wohl auch kaum begreiflich machen können.

    Und noch eine Sache: bitte schreibe Kraehenblut ohne den Umlaut, sondern mit ae (eine Sache, die irgendwie viele verkehrt machen). Nichts für ungut.

    Ansonsten: mach‘ so weiter wie bisher, und halte deinen Blog interessant und besonders 🙂

    Beste Grüße aus Dortmund

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