TraumaLyrik V: Goethes „Der untreue Knabe“

Hier ein Stück deutsches Kulturgut: „Der untreue Knabe“ von Johann Wolfgang von Goethe.

Schwierig, ein paar einleitende Worte zu finden. Ich will nichts vorwegnehmen und den Leser auch nicht beeinflussen – aber irgendetwas muss ich sagen.

Diese Ballade ist – und ich drücke mich hier bewusst altmodisch aus – von „schauerlichem Charakter“. Sie ist gruselig, wobei man bedenken muss, dass dieser Begriff vor zweihundert Jahren vielleicht noch anders aufgefasst wurde ist als heute. Deshalb muss man sich wohl darauf einlassen; den modernen Horror vergessen und im Dunkeln weiterlesen.

 

Es war ein Knabe frech genung,

War erst aus Frankreich kommen;

Der hatt‘ ein armes Mädel jung

Gar oft in Arm genommen,

Und liebkos’t und liebgeherzt,

Als Bräutigam herumgescherzt,

Und endlich sie verlassen.

Das braune Mädel das erfuhr,

Vergingen ihr die Sinnen;

Sie lacht‘ und weint‘ und bet’t‘ und schwur,

So fuhr die Seel‘ von hinnen.

Die Stund‘, da sie verschieden war,

Wird bang dem Buben, graus’t sein Haar,

Es treibt ihn fort zu Pferde.

Er gab die Sporen kreuz und quer

Und ritt auf allen Seiten,

Herüber, hinüber, hin und her,

Kann keine Ruh‘ erreiten;

Reit’t sieben Tag‘ und sieben Nacht‘,

Es blitzt und donnert, stürmt und kracht,

Die Fluten reißen über.

Und reit’t in Blitz und Wetterschein

Gemäuerwerk entgegen,

Bind’t ‘s Pferd hauß‘ an und kriecht hinein

Und duckt sich vor dem Regen.

Und wie er tappt und wie er fühlt,

Sich unter ihm die Erd‘ erwühlt;

Er stürzt wohl hundert Klafter.

Und als er sich ermannt vom Schlag,

Sieht er drei Lichtlein schleichen.

Er rafft sich auf und krabbelt nach;

Die Lichtlein ferne weichen;

Irrführen ihn die Quer‘ und Läng‘,

Trepp‘ auf, Trepp‘ ab, durch enge Gäng‘,

Verfallne, wüste Keller.

Auf einmal steht er hoch im Saal,

Sieht sitzen hundert Gäste,

Hohläugig grinsen allzumal

Und winken ihn zum Feste.

Und sieht sein Schätzel untenan

Mit weißen Tüchern angetan,

Die wend’t sich –

 

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