Ein Mann namens Schwarzmetall…

Einst lebte ein Mann namens Schwarzmetall. Sein Zuhause waren die tief verschneiten Wälder, in deren friedvoller Dunkelheit er sich sicher und geborgen fühlte. Er liebte die Natur und er liebte die Nacht, und besonders genoss er, die finsteren Höhlen seiner ewigen Wälder zu erkunden.

Eines Tages jedoch zog es ihn hinaus in die Welt, und dort traf er auf einige seiner Verwandten…


Zunächst traf er auf einen Bruder, dessen Name lautete Todmetall. Dieser war ein großer Mörder und Schlächter, ein brutaler Zerstückler und Menschenschänder.
Schwarzmetall gefiel die Art dieses Mannes, und er blieb, um sich an dessen Mordzügen zu beteiligen.
Über lange Zeit zogen sie schlachtend durch das Land, töteten jeden, der ihnen vor Axt oder Schwert lief. Tief wateten sie im Blute der Menschenseelen, und wohin sie auch kamen, da hielten Furcht und Wehklagen Hof.
Irgendwann jedoch fragte Schwarzmetall, worin der Sinn all dieser Morde lag – doch sein Bruder wusste darauf keine rechte Antwort.
„Wieso töten wir?“ fragte der Schwarze. „Zu welchem Ziel führt uns all das Blutvergießen?“
Todmetall konnte nur schwache Worte finden. „Ich töte, weil es meine Neigung ist“, sagte er. „Zwar spüre ich, dass da noch ein tieferer Sinn steckt, doch erfassen kann ich ihn nicht.“
Da schüttelte Schwarzmetall enttäuscht den Kopf, dankte seinem Bruder für die Zeit und ging von dannen.

Als nächstes traf er auf einen Mann namens Heidenmetall. Dieser lebte – wie Schwarzmetall – in den Wäldern, und er verehrte die Natur genauso wie sein Bruder.
Freudig ließ Schwarzmetall sich nieder und nahm den Krug seines Verwandten entgegen. Denn Heidenmetall war ein fröhlicher Geselle – er trank viel, sang seine Lieder und sprang gar auf zum Tanze. Gemeinsam verbrachten sie viel Zeit im Licht der Sonne und des Mondes, in den Schatten der Bäume und an den Ufern der Bäche. Manches Mal, wenn er besonders tief in den Becher geschaut hatte, ließ Schwarzmetall sich gar zu einem der Lieder hinreißen.
Doch mit der Zeit fragte er sich, ob Trank und Gesang die einzige Möglichkeit waren, der Natur zu huldigen. Gab es denn keinen Weg, tiefer in ihre Geheimnisse vorzudringen? Was befand sich beispielsweise in den Höhlen, welche auch in Heidenmetalls Wald existierten?
Heidenmetall wusste darauf keine rechte Antwort. „Ich lobe den Wald mit Trank und Gesang, aber in die Höhlen gehe ich nicht. Ich spüre, dass tief in ihren Leibern ein besonderer Sinn liegt, doch vermag ich nicht, diesen zu erfassen. In den Höhlen erklingen keine Lieder, deshalb bleibe ich hier an meinem Feuer.“
Da schüttelte Schwarzmetall enttäuscht das Haupt. Er dankte seinem Bruder für die freundliche Aufnahme und zog weiter seines Weges.

Alsbald hörte er von weitem die Klänge und Rufe seines Bruders Schlagmetall. Dieser war ähnlich trinkfest wie der Heidenbruder, und er tötete beinahe ebenso gerne wie der Bruder Tod. Doch beides hatte Schwarzmetall schon erlebt, und er entschied, dass er diesem Mann nichts würde abgewinnen können. Deshalb machte er sich nicht die Mühe ihn aufzusuchen, sondern zog an ihm vorüber.

Neues erlebte er bei einem entfernten Verwandten, welcher auf den Namen Gotischer Mann hörte. Der Gotische Mann liebte die Dunkelheit, manchmal auch das Töten, doch galt sein Augenmerk viel eher den musischen Dingen. Er war ein Kenner und Schätzer von Gemälden und Büchern, und in seiner Bibliothek entdeckte Schwarzmetall so manches Werk, welches sein Herz berührte.
Doch alsbald wurde ihm klar, dass sein gotischer Bruder von einer besinnlichen, wenn nicht gar zu sinnlichen Natur beschaffen war. Das Kämpfen lag ihm fern, und wenn er mordete, so griff er eher zum Gift als zum Beil. Die Dunkelheit dieses Bruders war anschmiegsam und beruhigend, doch sie war nicht die Dunkelheit eines Kriegers.
Deshalb bedankte Schwarzmetall sich für die Zeit der Muße und ging weiter seines Weges.

Ein anderer Bruder, ebenfalls entfernt verwandt, war der Klassische Mann, der auch unter dem Namen Romantischer oder Barocker Mann bekannt war. Dessen Art war von ähnlich musischem Charakter wie die des Goten, doch fehlte ihm zumeist die innewohnende Finsternis, welche Schwarzmetall so liebte.
Dennoch blieb er, denn sein Klassischer Bruder wusste von hohen Dingen zu berichten, und er vermochte es, die Natur ebenso zu loben wie Heidenmetall oder Schwarzmetall selbst. Aber auch seine Lobpreisungen waren beinahe frei von Dunkelheit, und die Höhen, welche Schwarzmetall mit ihm erklomm, waren meist so sehr vom Licht erfüllt, dass die wahren Geheimnisse, welche in den Schatten verborgen sind, nicht mehr zu sehen waren.
Also sagte Schwarzmetall auch diesem Bruder Lebwohl und zog weiter.

Alsbald befiehl ihn Müdigkeit, und er sehnte sich nach der Geborgenheit seiner schwarzen Wälder. Er wollte wieder den Schnee fühlen, und er wollte hinabsteigen in seine, ihm ureigenen Finsternis.
Zuvor aber traf er noch auf einen weiteren Bruder, der nannte sich Dunkle Atmosphäre. Bei ihm fühlte sich Schwarzmetall beinahe zuhause. Er erkannte, dass dieser Bruder derselben Finsternis verhaftet war wie er, und dass dessen Ruhe und Gelassenheit aus denselben Tiefen stammten, welche er in seinen Höhlen verspürte.
Jedoch lebte Dunkle Atmosphäre nicht in den Wäldern, sondern in der Stadt. Er suchte seine Dunkelheit in den finsteren Winkeln der menschlichen Behausungen, in den verlassenen Straßen und gemiedenen Hinterhöfen. Er war der Modernste der Verwandtschaft, und obwohl Schwarzmetall eine innige Verbindung fühlte, so vermisste er doch irgendwann seinen verschneiten Wald.
Also nahm er auch von diesem Bruder Abschied, und nun endlich hatte er genug vom Reisen und kehrte zurück in sein Heim.

Dort angekommen dachte er über die Erlebnisse nach. Mit all diesen Brüdern hatte er etwas gemein, doch waren sie stets nur wie Teile seiner selbst gewesen. Sie waren wie unvollständige Bruchstücke seiner eigenen Seele – fragmentarisch geschaffen, nicht vollkommen.
Da erkannte Schwarzmetall, dass er der Vater dieser Männer war. Mochten sie auch vor ihm das Licht der Welt erblickt haben, so waren sie doch nur Andeutungen dessen, der da kommen würde. Aus der Finsternis, der Mordlust, der Erhabenheit und Naturverbundenheit Schwarzmetalls waren sie entsprungen, noch bevor er selbst erschienen war. Sie waren umgekehrte Echos – Vorankündigungen, Prophezeiungen sozusagen. Sie hatten die Welt auf ihn vorbereitet, hatten ihm vielleicht gar das Tor geöffnet – nun war er hier, und der Thron gehörte unbestreitbar ihm.

Schwarzmetall nahm auf einem Felsen in der Nähe der größten Höhle Platz, betrachtete den Mond und lies den Schnee sanft auf sich herabfallen. Er könnte die Welt erobern – doch dies wäre entgegen seiner Natur. Denn die Geheimnisse und Erkenntnisse liegen im Dunklen, wahre Größe findet sich nur in der Finsternis – und würde er den Weg seiner Brüder gehen (mit Ausnahme des von Dunkler Atmosphäre gewählten Pfades), so würde alsbald das Licht der Vielen auf ihn fallen, würde ihn von allen Seiten beleuchtet und begaffen, und die öffentliche Grelligkeit würde verhindern, dass er weiterhin in der Lage war, den Eingang seiner Höhlen zu finden.

Deshalb bleibt er im Wald. Das Licht führt nur zu Blendung und Verblendung, und sollte er als ein Gleicher unter seinen Brüder aufgefasst werden, so hätte er keinen Anspruch mehr auf den Thron. So aber bewahrt er sich seine Majestät – abgeschieden von der Welt, doch ihre Geheimnisse hütend. Wer zu ihm gehen will, der kann dies tun, doch muss er zuvor den Weg durch einen finsteren und tödlichen Wald finden. Der König lässt nur wenige auf seine Lichtung, geschweige denn in die Nähe seiner Höhlen. Denn jeder Pilger trägt ein Licht in sich, und zu viel Licht vertreibt in die Finsternis, in welcher die Erkenntnis ruht.

Ein Mann2

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