Die metaphysische Quelle der Inspiration

„Man hört, man sucht nicht; man nimmt, man fragt nicht, wer da gibt; wie ein Blitz leuchtet ein Gedanke auf, mit Notwenigkeit, in der Form ohne Zögern, – ich habe nie eine Wahl gehabt… Alles geschieht im höchsten Grade unfreiwillig, aber wie in einem Sturme von Freiheitsgefühl, von Unbedingtsein, von Macht, von Göttlichkeit…“

– so beschreibt Friedrich Nietzsche seine Empfindungen während der Arbeit an seinem Hauptwerk „Also sprach Zarathustra“.
Notwendigkeit und Unfreiwillig sind Worte, die mit dem gleichzeitig genannten Freiheitsgefühl nicht so recht übereinstimmen wollen. Dennoch tun sie es, und um genau diesen Gegensatz soll es nun gehen: Um Inspiration.

Ich kann nachvollziehen, was Nietzsche gefühlt hat: Denn ich schreibe. Ich habe Kurzgeschichten verfasst, Abenteuer für Rollenspiele entworfen, mich an Romanen versucht und nunmehr diesen Blog geschaffen. Und nicht immer, aber häufig, fühle ich mich während des Schreibens frei, obwohl ich gleichzeitig das Gefühl habe, dass dies alles gar nicht meine eigenen Ideen sind, sondern ich nur widergebe, was mir diktiert wird.

Viele Künstler scheinen so zu empfinden. Richard Strauss hat gesagt: „Wenn ich mich in inspirierter Stimmung befinde, habe ich bestimmte Zwangsvisionen unter dem Einfluss einer höheren Wesenheit.“
Solche Aussagen sind kein Einzelfall, bei fast allen großen Schaffern kann man auf ähnlich geartete Zitate stoßen. Die Inspiration kommt über einen, beherrscht einen, lässt einen aber gleichzeitig frei und lebendig sein. Man wird zu einem Werkzeug, wird somit benutzt, verspürt im selben Augenblick aber ein Gefühl von Größe und Erhabenheit, welches man in seinem normalen Ich-Zustand (= da bin nur ich, ich allein bestimme über mich) nur schwerlich erreichen kann.
Kein Wunder, dass die Inspiration – vor allem in Bezug auf Musik – in heidnischen Kulturen oft mit übernatürlichen Wesenheiten gleichgesetzt wird und wurde:

  • In Griechenland und Rom waren es die Musen, welche den Menschen die Künste brachten;
  • skandinavische Legenden sprechen von Elementargeistern, von denen die Menschheit die Musik erlernte;
  • laut chinesischer Mythologie erfand der Gott-Kaiser Fu-Hi die Musik;
  • in Indien schufen die Götter Shiva und Sarasvatī verschiedene Instrumente (Sarasvatī Saiteninstrumente, Shiva die Flöten, durch deren Spiel er anschließend die gesamte Welt entstehen ließ)
  • nicht zu vergessen all die anderen „musikalischen Figuren“ wie Orpheus, der mit seinem Gesang den Unterweltgott Hades besänftigte, die Sirenen, welche mit ihren Liedern Schiffer in den Untergang lotsen, Pan mit seiner Flöte und viele andere…

Der Musikwissenschaftler Joscelyn Godwin vertritt in seinem Buch „Musik & Spiritualität“ die Auffassung, dass Inspiration etwas ist, an das der Künstler sich erinnert. Dass alle Kunst bereits auf einer anderen Ebene vorhanden ist – auf jener Ebene, von der unsere Seelen abstammen. Und wenn wir nun inspiriert werden, so heißt dies, dass wir nicht etwas Neues erfinden, sondern dass wir uns an die Dinge jener Ebene erinnern. Godwin bezieht sich dabei auf die griechische Mythologie und die Mutter der Musen, die Göttin des Gedächtnisses Mnemosyne: „Das Gedächtnis mit Mnemosyne als Schutzherrin, ist nicht das alltägliche, das sich an das Vergangene erinnert. Es hat vielmehr die Fähigkeit, unsere anderen Seinszustände wieder zu ergreifen: Die Erinnerung, woher wir kommen, wer wir wirklich sind und wohin wir gehen.“
Zudem unterteilt er die Inspiration in drei Kategorien:

  • „Avatarisch“ – Ein Avatar ist die Inkarnation eines hinduistischen Gottes in einen physischen Körper. Demnach entstammt die höchste Form der Inspiration durch die Götter selbst, indem sie in den Körper des Künstlers einfahren.
  • Die zweite Form der Inspiration kommt direkt aus dem Menschen, indem er sich z.B. durch Meditation oder Traum in seine eigene Seele versenkt. Um die dort gefundenen Offenbarungen in die Tat umzusetzen, benötigt er aber wiederum die Vorgaben der avatarischen Ur-Werke, er muss sich also am Göttlichen orientieren.
  • Die niedrigste Stufe ist die, in welcher der Künstler sich von seinem unmittelbaren Umfeld und Alltag inspirieren lässt; dies ist profane Kunst, ohne göttlichen Anteil.

Diese Idee des „Erinnerns“ gab es auch schon bei einem anderen Philosophen, nämlich bei Platon: Alle Ideen, Gedanken und Ideale sind laut ihm bereits schon immer vorhanden gewesen, allerdings nicht –wie gehabt – in unserer materiellen Welt, sondern in einer geistigen, welche wir mit unseren Sinnen nicht erfassen können. Wenn wir nun inspiriert werden (sei es zu Kunst, Politik oder anderen Dingen), dann ist dies laut Platon auch hier eine Erinnerung an jene Ideen-Welt, aus der wir ursprünglich stammen. Diese Rückerinnerung nennt er Anamnesis.

Dass Kunst und Inspiration aus höheren Ebenen hervorgehen, darin sind sich die meisten Künstler einig. Beethoven hat gesagt: „Jede echte Erzeugung von Kunst ist unabhängig, mächtiger als der Künstler selbst und kehrt durch ihre Erscheinung zum Göttlichen zurück und hängt nur darin mit dem Menschen zusammen, dass sie Zeugnis gibt von der Vermittlung des Göttlichen in ihm.“
Die Kunst an sich ist größer als alles, was der Mensch je schaffen könnte. Im Künstler offenbart sich etwas, dass er nur bedingt in eine Form zu bringen vermag. Die Idee, bevor man schreibt (oder malt, komponiert etc.), ist immer größer als das, was man letztlich zu Papier bringt. Etwas so Großes, ich würde sagen: Unendliches, in eine Form zu pressen, kann nur äußerst ansatzweise gelingen. Oder um mit dem Worten Edvard Griegs zu sprechen: „Wir Komponisten projizieren das Unendliche, Unbegrenzte in das Endliche, Begrenzte.“

Wenn die Inspiration aus einer höheren Ebene stammt, wieso fallen Kunstwerke dann so unterschiedlich aus? Der eine schreibt Bücher voller Humor und Lebensfreude, der andere widmet sich dem Horror? Der eine komponiert verträumte Liebesstücke, der andere erschafft Black Metal? Woher kommen diese Unterschiede?
Liegt es am Künstler selbst? Ist er eine Art Filter, durch welche die Inspiration eine Form annimmt, die der des Künstlers gleicht? Ist die Erscheinung der Kunst abhängig vom Medium? Oder gibt es verschiedene Quellen der Inspiration? Gibt es „gute“ und „böse“ Inspirationen? Der eine Künstler ist quasi von „Engeln“ besessen, der andere von „Teufeln“? Ist gar die Ideen-Welt in verschiedene Ebenen unterteilt, in „Höllen“ und „Himmel“?

Ich tendiere eigentlich zur ersten Kategorie. Kunst ist Kunst, Inspiration ist Inspiration – wie sie letztlich aussieht, ist abhängig von der Persönlichkeit des Künstlers. Ich sage eigentlich, denn sucht man sich sein Genre wirklich selbst aus? Ich könnte z.B. niemals eine Liebesgeschichte verfassen, es muss immer etwas  Düsteres/Horrorartiges sein. Liegt nun dieser Umstand an mir selbst, oder an der Quelle meiner Inspiration? Und was wäre diese Quelle dann? Etwas Finsteres, das nicht mit der Quelle von Leuten verglichen werden kann, die fröhliche Dinge fabrizieren?

In der jüdischen Mystik besteht die Welt aus zehn verschiedenen Ebenen/Seinszuständen. Diese haben eine helle und eine dunkle Seite (die hellen nennt man Sephirot, die dunklen Qliphoth). In seinem Buch „Kabbala, Qliphoth und Goetische Magie“ bezieht der Esoteriker Thomas Karlsson den Ursprung düsterer Kunst auf eine der Qliphot, welche den Namen Samael trägt: „Psychedelische und surreale Kunst kann einen Einblick in die Qlipha Samael bieten…“ und „Samael ist der dunkle Intellekt, der als Wahnsinn wahrgenommen werden kann. Samael ist die Originalität und der Genius, der außerhalb des vernünftigen Rahmens und der Konventionen der Zivilisation aktiv ist.“
Als Beispiele solcher von Samael inspirierten Künstler nennt er Edgar Allan Poe und H.P. Lovecraft.

Die Inspiration zu düsteren Werken könnte also möglicherweise aus einer ebenfalls düsteren Ebene der Ideen-Welt kommen (welche in der Kabbala eben „Samael“ genannt wird). Ein „dunkler“ Künstler könnte also durchaus als „von Dämonen besessen“ bezeichnet werden – wenn man so will.

Was ist wiederum mit der anderen Theorie, dass die Ideen-Welt einheitlich ist, und dass der künsterlische Ausdruck von der Persönlichkeit des Künstlers bestimmt wird?
Auf diese Weise könnte man bestimmte Werke aus rein künstlerischer Sicht gleichsetzen, auch wenn sie aus verschiedenen Genres stammen: Beispielsweise kann ich mir etwas Wunderschönes wie Chopins „Nocturne Nr. 2“ anhören und als etwas Großes empfinden, und die gleiche Empfindung bei einem unsagbar bösen Black Metal-Stück wie Thorns‘ „Home“ verspüren. Der Ursprung ist derselbe, nur die Gewandung ist anders.


Von einer rein rationalen Betrachtungsweise der Inspiration halte ich nichts. Sicherlich kann man die Vorgänge im Gehirn eines Künstlers neurologisch untersuchen, und seine Werke unter Bezugnahme von Psychoanalyse und Soziologie interpretieren – aber geht dadurch nicht die Magie verloren? Wenn Kunst rein verstandesmäßig aufgefasst wird, ist es dann überhaupt noch Kunst? Ist es dann nicht einfach nur noch ein Produkt?

Ich denke, der Ursprung von Inspiration und Kunst ist rational nicht zu erfassen. In Ermangelung eines besseren Wortes würde ich sagen: Er ist übernatürlich. Metaphysisch, göttlich, wie auch immer man es nennen will. Ob Erinnerung an den Urzustand der Seele, Besessenheit oder von einem Gott eingegeben: Die Inspiration stammt von einem Ort jenseits unserer physischen Welt, der allerhöchstens geistig, nicht aber mit unseren fünf Sinnen erfasst werden kann – wenn überhaupt. Die Kunst ist ein Bindeglied zwischen der natürlichen und der übernatürlichen Ebene, und somit schließe ich diesen Artikel mit einem Ausspruch Johann Wolfgang von Goethes:

„Die Kunst ist eine Vermittlerin des Unaussprechlichen.“

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