TraumaLyrik IV: Eisregens „Feindbild Mensch“

Misanthropie. Ein beliebtes Thema in den dunkleren und/oder härteren Spielarten der Musik. Der Death Metal ist voll von Massenmördern, Abschlachtungen, Serienkillern und dergleichen. Auch der Thrash Metal und der Gothic-Bereich hinken nicht sonderlich hinterher, und im Black Metal ist der Menschenhass natürlich ebenfalls ein großes Thema.
Auch Kunst und Philosophie haben sich damit beschäftigt, so zum Beispiel Platon, Schopenhauer und mit ihnen viele andere Gelehrte und Künstler.


Gibt es eigentlich so etwas wie den ultimativen Misanthropen? Also jemanden, der wirklich alle Menschen hasst? Denn eine misanthropische Einstellung ist ja in der Regel eher allgemeiner Natur – man spricht sich gegen die Menschheit an sich aus und bezieht sich nicht zwangsweise gezielt auf eine bestimmte Person. Man verachtet eine Gruppe oder Ansammlung  von Menschen, nicht den Einzelnen. Der ultimative Misanthrop müsste genau dies tun – jeden einzelnen Menschen ganz persönlich hassen. Aber das tut niemand. Denn man hat ja auch noch Freunde, Familie etc. Und man hasst ja auch nicht die Mitglieder seiner Lieblingsband oder seinen Lieblingsschriftsteller.

Selbsthass wiederum ist etwas anderes. Weil den gibt es, und wer davon träumt, die gesamte Menschheit auszulöschen, der muss in letzter Konsequenz auch sich selbst töten.

Aber warum hasst man die Menschen? Haben sie einem etwas getan? Oder geht es darum, was sie anderen antun – z.B. Kriegstreiber, Folterer, Tierschänder, Umweltzerstörer? Hasst man die Menschen, weil sie so viel Schlechtes tun?
Vielleicht ist es aber auch die Heuchelei, der man immer wieder begegnet. Die Falschheit und die Doppelmoral. Man hasst und verachtet all jene, die anderen vorschreiben wollen, wie sie sich zu verhalten haben – Meinungsmacher, Agitatoren, Moralaposteln.

Der Schriftsteller und Pädagoge Jean Paul hat gesagt: „Die Misanthropie im Alter ist weniger Hass gegen als Übersättigung mit Menschen.“
Ist da was dran? Sind es nicht nur die Taten der Menschen, die einen zum Misanthropen machen, sondern schlicht die Tatsache, dass man ihre bloße Anwesenheit nicht mehr erträgt? Ähnlich Schopenhauer: „So treibt das Bedürfnis der Gesellschaft, aus der Leere und Monotonie des eigenen Ichs entsprungen, die Menschen zueinander; aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler  stoßen sie voneinander ab.“

Hat man als Misanthrop genug von den Menschen? Zumindest von der Mehrheit? Und wenn dies laut Jean Paul erst im Alter eintritt, wieso gibt es dann so viel misanthropes Gedankengut im Metal? Und zwar von Musikern, die ich nicht unbedingt als alt bezeichnen würde? Vielleicht sollte man deshalb diese Aussage auf das geistige Alter beziehen? Könnte man demzufolge sagen, dass eine misanthropische Einstellung von geistiger Reife zeugt?

Warum nicht? Dadurch erhält das Ganze sogar einen positiven Anstrich: Denn wer seine Mitmenschen aufgrund ihrer Taten (z.B. Tierquälerei) oder ihres Verhaltens (z.B. Heuchelei) verachtet, der hat ja zuvor diese Taten und dieses Verhalten hinterfragt. Der hat sich kritisch mit seiner Gesellschaft auseinandergesetzt und beurteilt, ob das Agieren derselben richtig ist. Als Misanthrop hat man die Gesellschaft nicht so hingenommen, wie sie ist, sondern man hat sich ausführlich Gedanken darüber gemacht. Wenn das Ergebnis dieser Gedanken dann negativ ausfällt, also misanthropisch, dann ist das halt so – aber man selbst ist geistig gewachsen, hat sein eigenes Weltbild sowie seine Gedankenwelt erweitert. Demzufolge ist Misanthropie ein Zeichen geistiger Reife und auch Größe.


In der Musik beschränkt sich der Menschenhass jedoch meistens – leider – auf das bloße Hassen. Auf den Wunsch, seine Mitmenschen zu töten, unsere gesamte Zivilisation auszulöschen – wobei ich jetzt wiederum frage, ob sich dieser Menschenhass nur auf unsere westliche Welt bezieht, oder auch auf andere Kulturen? Auf die indigenen Naturvölker des Amazonas zum Beispiel? Oder auf die buddistischen Mönche Tibets?

Wie dem auch sei – es gibt unzählige Lieder zu diesem Thema, und ich selbst finde, dass die Band Eisregen es mit ihrem Stück „Feindbild Mensch“ besonders gut getroffen haben. Eisregen spielen zwar keinen Black Metal, doch mir gefällt, dass der Text ihres Liedes über das reine Morden hinausgeht, indem es Motive und eine letzte Konsequenz für den Menschenhasser aufführt: Den Hass auf jene, die anderen ihr Weltbild aufdrängen wollen; die Dekadenz unserer Gesellschaft; die Ausbeutung unserer Welt – und letztendlich der Hass auf sich selbst, da man selbst Teil dieses Systems gewesen ist.

 

„Feindbild Mensch“
von Eisregen

Es gibt kein Wort sie zu beschreiben
Nur das Gefühl von reinstem Hass
Auf die, die den Lebenswert bestimmen
Ihr Maß, das eigne Spiegelbild – die Norm…
Eine Zeitlang glaubte ich ihnen
Und ihrem Untergang im Hochmut
Da sie dem Leben fremd geworden sind

Ich juble ihm zu
Dem Hofstaat der Maßlosigkeit
Auf seinem Festzug heim ins nichts
Die Schreie der Gefallenen
Sind Melodie der Marschmusik
Und lass sie wanken, lass sie fallen
Bis ihre Haut verschlissen ist
Ich will nicht mehr ruhn
Bis ihre Augen gebrochen
Und all ihr Fleisch fernab vom Körper liegt

Es lebe der Tod…
Er allein ist meiner Seele Balsam
Es leben die Leichenfeuer…
Spenden Wärme meinem kalten Leib
Es lebe der Letzte seiner Art –
Und sollte ich dies sein
So schaufle ich das eigne Grab…

Es lebe das Feindbild Mensch
Das sich erdreistet „Herr“ zu sein
Es lebe der Hass auf die eigene Form
Die sich stets nahm, was ihr nicht gebührt
Es lebe der Zerfall und der Niedergang
An ihren Werten wird die Welt verenden

Als ich entzünde dann ihr Fleisch
Da selbst die Ratten es nicht fressen
Seh ich sie nochmal vor mir stehn
Voll von Fäkalien ihre Kleider
Die Mäuler stumm um Gnade flehn

Und dies ist süßer als der schwerste Wein
Auch wärmer als ihr Leiber Feuer
Erfüllt mich mit Glückseligkeit
Und macht mich glauben
Wert zu sein der Ratten Fraß

Denn auch ich war Anbeter des Spiegelbilds
Es bestimmte meine Lebenswerte
Gepriesen sei mein Niedergang
Im Hochmut den ich nie verehrte…

So schreib ich selbst die Inschrift meiner Gruft
„Feindbild Mensch“ in roten Lettern
Und leg mich nieder in den Boden
Aus dem neues Leben sprießen wird
Vielleicht wird es dies zu etwas bringen
Ich geb mein Fleisch –
Für die Hoffnung –
Mein Tod –
Bringt jetzt –
Der Seele –
Frieden…

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s