Vom Sinn des Black Metals – Teil 1

In meinem allerersten Beitrag für diesen Blog habe ich die Frage gestellt, ob es neben den destruktiven und zerstörerischen Aspekten des Black Metals auch positive, vielleicht gar schöpferische Gesichtspunkte gibt. Ob da irgendwo eine Pro-Haltung existiert, statt nur der offensichtlichen Anti-Einstellung.
Mit einer ähnlichen Frage hat sich auch ein Philosoph aus Osteuropa namens Sviatoslav Vyshynsky beschäftigt. Im Dezember 2016 hielt dieser junge Mann eine Rede im Vorfeld des Asgardsrei-Festivals in Kiew. In dieser Rede wird der Sinn des Black Metals behandelt, sowie seine Bedeutung für unsere gegenwärtige Zeit.

Auf diese Rede möchte ich hier nun eingehen – teilweise stimme ich dabei Vyshynsky zu, teilweise tue ich das nicht. Beim Schreiben dieses Artikels fiel mir zudem auf, dass seine Rede sehr viel Potential enthält, und ich demzufolge sehr viel darüber schreiben kann; deshalb habe ich mich dazu entschieden, diesen Beitrag zu teilen.
Am Ende des Artikels findet sich der Link zu besagter Rede, welche den Titel „What is Music for in a destitute Time?“ trägt. Sie ist in englischer und russischer Sprache verfügbar.

Eine Anmerkung noch vorweg: Normalerweise würde ich noch ein paar Informationen zur Person Vyshynskys angeben, doch leider habe ich derlei Infos nur auf russischen Internetseiten gefunden, und Russisch spreche ich leider nicht.


Für Vyshynsky ist der Black Metal ein Aspekt des Untergangs unserer Gesellschaft. Dieser ist seiner Meinung nach erkennbar an der Zerstörung traditioneller Werte („destruction of the tradition“), sowie an unserer heutigen Unfähigkeit, die klassischen Künste zu begreifen („the classical art extinguished along with our ability to understand it“). Unter „classical art“ versteht er die künstlerische Epoche der Klassik, vielleicht auch noch die der Romantik, sowie traditionelle Kunstformen wie Volkslieder und dergleichen.
Die Zeit der anspruchsvollen Künste endete laut Vyshynsky mit den Kriegen des 20. Jahrhunderts („The inter-war and post-war period of the 20. century – is the time of final destruction of the traditional order“). Von da an begann der Niedergang unserer Kultur, der Verfall der Werte, der „Triumph of Nihilism“.

Zu erkennen sei dies in der Entstehung der Rockmusik. Denn diese ist – im Gegensatz zu klassischer und traditioneller Musik – von arrhythmischer Natur, und deshalb eine Musik des Untergangs („Traditional and classical music of the West was replaced by the musical avant-garde, Rock’n’Roll and arrhythmic music of the depths“).
Den Black Metal wiederum bezeichnet Vyshynsky ebenfalls als „arrhythmic music“, und zwar in ihrer extremsten Form. Der Grund, weshalb es den Black Metal dann überhaupt gibt, ist ein initiatorischer: Indem man die Zerstörung voll auskostet, sich gar mit ihr identifiziert, ist man gefeit gegenüber ihren Auswirkungen („We accept the darkness as an initiatory examination“ und „the idenfication with the destruction – is what protects from destruction“).  Man taucht ein in die Finsternis, welche somit ihren Schrecken verliert, während man selbst an Stärke gewinnt.

Ein wenig vergleichen lässt sich dies an zwei einfachen Beispielen: Wenn man nachts aus dem Hause geht, irgendwohin, wo es dunkel ist (am besten in einen Wald oder dergleichen), so ist dies ein sehr unheimliches Gefühl. Wenn man sich aber geistig mit der Dunkelheit verbindet, die Nachtluft tief einatmet und sich als Teil der Dunkelheit fühlt, dann vergeht diese Furcht. Dann schöpft man plötzlich Stärke aus dem Dunklen. Ebenso kann man die Angst beim Gucken eines Horrorfilms dadurch überwinden, indem man sich nicht mit dem gejagten Opfer identifiziert, sondern mit dem jagenden Monster.

Für Vyshynsky ist der Black Metal genau dies – die Identifikation mit der Finsternis (also dem Untergang unseres Wertesystems), mit dem Ziel, diese „black times“ und „cosmic night“ zu überstehen.

In Teilen kann ich dieser Aussage zustimmen. Black Metal ist auf jeden Fall Identifikation mit der Finsternis. Jedoch beziehe ich dies auf die Finsternis in einem selbst, also auf das eigene Unterbewusstsein. Vyshynsky tut dies zwar auch(„Through it we deepen into the abysses of the subconscious“), doch ist seine Finsternis auch eine kulturelle Dunkelheit, eben der Niedergang von Tradition und Werten.

Ich bin kein Freund von solchen „Niedergangstheorien“. Ich glaube nicht, dass die Welt zunehmend schlechter wird, dass heutzutage alles den Bach runter geht. Sicherlich gibt es Dinge, die früher besser gewesen sind, aber dies als einen allgemeinen Term anzusehen, halte ich für engstirnig. Denn den sogenannten „Kulturpessimismus“ hat es immer schon gegeben: So haben sich etwa Erwachsene schon immer über die „heutige Jugend“ beschwert, egal zu welcher Zeit. Immer schon hat es Menschen gegeben, für die „damals alles besser gewesen ist“, und die der Meinung waren, dass gerade zu der Zeit, in der sie lebten, alles vor die Hunde ging. Um 1900 herum gab es gar eine philosophische Strömung, die sich fast ausschließlich mit dem angeblichen Untergang unserer Gesellschaft beschäftigte: Der Fin de Siècle.
Die Anhänger dieser Denkart prangerten vor allem die herrschende Dekadenz der westlichen Kultur an, in welcher alle Werte und Traditionen verloren schienen. Man wartete auf eine Art „großen Knall“, der die Welt wieder bereinigen sollte, und glaubte diesen im aufkommenden Ersten Weltkrieg zu erkennen: Es sollte „der Krieg sein, der alle Kriege beendet“, das Ende von Dekadenz und Moralverfall. Doch der Weltkrieg brachte keine Wende, und unsere Gesellschaft ist dekadent wie eh und je.

Ja, wir sind dekadent. Wir leben in Überfluss und Verschwendung. Wir kaufen Dinge, die wir nicht brauchen, und beuten dafür andere Menschen, die Natur und unseren gesamten Planeten aus. Niveaulose Meinungsmache wie die Bild-Zeitung sind Zeichen der Missstände unserer Gesellschaft, und von der Dekadenz des heutigen Fernsehprogramms will ich gar nicht erst anfangen. Obwohl dies wiederum Kulturpessimismus meinerseits ist – denn nicht erst seit „Superstar“ oder „Frauentausch“ prangert man die abstoßenden Aspekte des Fernsehens an: Beispielsweise wurde bereits in den 70ern im Film Network hart mit dem TV ins Gericht gegangen, indem man den Sendern unterstellte, für Einschaltquoten sogar einen Suizid zu inszenieren. Und ich bin mir sicher, dass es auch vorher schon Kritik gab – dass das Fernsehprogramm also schon immer asozial und dekadent gewesen ist, nicht erst seit heute.

Auch um die Jugend ist es schon immer schlecht bestellt gewesen: „Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten soll. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“ – ein Zitat, dem die meisten wohl zustimmen würden, welches sogar ein aktueller Ausspruch sein könnte; gesagt wurde es aber vor 2400 Jahren von Aristoteles.
Es gibt viele weitere solcher Zitate, in denen es heißt, dass „die Jugend von heute viel schlimmer ist als wir damals“. Aber so denkt und dachte jede Generation. Aus eigener beruflicher Erfahrung kann ich sogar sagen, dass selbst Neuntklässler, deren Verhalten ich wiederum als respektlos bezeichnen würde, sich über die Respektlosigkeit von Fünftklässlern aufregen.

Demnach hat es den gefühlten Niedergang unserer Gesellschaft schon immer gegeben. Deshalb fällt mir schwer zu glauben, dass die Rockmusik und der Black Metal – um wieder zum Thema zu kommen – Anzeichen eben dieses Abstiegs sein sollen.
Black Metal ist vielmehr eine Form der Abgrenzung gegenüber der Gesellschaft schlechthin – egal, ob diese gerade untergeht oder nicht. Der Black Metal befreit von gesellschaftlichen Normen, beseitigt vorgegebene Regeln und schafft Platz für wahre Individualität. Hierin stimme ich mit Vyshynsky überein: „The Black Metal ist not olympic, but titanic, and sometimes chthonic music. Through it we deepen the abysses of the subconscious – and by overcoming the form we release the driving forces of consiousnes.“


Was geschieht, wenn der Untergang vorüber ist? Wenn die „kosmische Nacht“ ein Ende gefunden hat? Für Vyshynsky ist dann die Zeit einer neuen Schöpfung gekommen: Die dämonische Maske des Black Metals kann abgenommen werden, und diejenigen, welche sie getragen haben, erschaffen neue Welten, denn „the Black Metal opens the way for a new culture, a new dawn, a new Light.“

Wird es dann keinen Black Metal mehr geben? Wird sich diese Form der Musik dann erübrigt haben? Und wird diese „neue Kultur“ nur von denen geschaffen werden, welche in der vorherigen Welt Black Metal gespielt haben? Was ist mit anderen Menschen, wo sind sie?
Beinahe klingt es so, als würden BM-Verehrer in der Zukunft die Gesellschaft formen. Alles andere geht unter und verschwindet, nur wer vorher am Black Metal beteiligt gewesen ist, bleibt bestehen. Wie ist das gemeint? Wird es zu irgendeinem Zeitpunkt keine andere Musik mehr geben? Beziehungsweise gar keine Musik mehr, da die BM-Maske ja abgenommen wurde? Und wer sind die Schöpfer dieser neuen Welt? Jetzige Bands wie Darkthrone, Nargaroth und Mayhem? Werden diese Musiker eine neue Gesellschaft begründen?

Ich weiß nicht, wie dieser „Untergang“ aussehen soll. Sicherlich ist jede große Kultur irgendwann untergegangen, und unsere westliche wird da keine Ausnahme bilden – aber wie wird es geschehen? Wird die Menschheit aufgrund von Pop-Musik vollkommen verblöden, sodass nur noch BM-Fans fähig sind, eine Regierung zu bilden? Für mich klingt das alles utopisch, mit der Realität kann ich diese Zukunftsgedanken nicht in Einklang bringen.
Sehr wohl erkenne ich aber den schöpferischen Aspekt des Black Metals an, und über diesen möchte ich im zweiten Teil meines Artikels schreiben. Denn auch darüber hat Vyshynsky sich eingehend Gedanken gemacht, und diese finden bei mir weitaus mehr Zustimmung als seine Theorie vom Niedergang.

[zur Fortsezung]


Der Link zur Rede:
http://militant.zone/pact-of-steel-conference-2016-what-is-music-for-in-a-destitute-time/

 

 

 

3 Kommentare zu „Vom Sinn des Black Metals – Teil 1

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