Von der dämonischen Bilderwelt der TV-Serie „Hannibal“

Ich möchte an dieser Stelle weder über die Figur des Hannibal Lecter schreiben, noch über die Handlung der Serie. Es sei jedoch gesagt, dass Dr. Lecter es sehr wohl wert ist, dass über ihn geschrieben wird, und vielleicht werde ich dies auch irgendwann tun, aber nicht jetzt.

Zur Handlung möchte ich auch nichts sagen, sollte jedoch jemand, der die Bücher von Thomas Harris gelesen hat, diese Serie gucken wollen, so ist es ratsam, die Romane in den Hintergrund zu stellen, da die Handlungsstränge der Serie teils stark von der Originalgeschichte abweichen, was aber keinesfalls schlecht ist. Man sollte „Hannibal“ demnach auch nicht als direkte Literaturverfilmung betrachtet, sondern als Neu-Interpretation der Geschichten um Dr. Lecter.


Ich habe „Hannibal“ vor einiger Zeit geschaut, und was mich beeindruckt hat, ist diese schwarze, durch und durch böse Bildgewalt. Viel Blut und Dunkelheit. Anspruchsvolle Morde und Zuschaustellung von Leichen. Ästhetisch und verstörend zugleich.

Die Grundstimmung der Serie ist über alle Maßen düster, größtenteils sogar depressiv. Hinzu kommen Elemente, die mit Horror und Grauen zu bezeichnen sind, und die den Rahmen des Film– bzw. Seriengenres Thriller sprengen. Teils geht es sogar übernatürlich zu, auch wenn die Handlungen in unserer rationalen Welt stattfinden. Doch immer wieder werden Sequenzen eingeblendet, die aus Visionen und Traumgebilden bestehen, und die den Anschein übersinnlicher oder meist gar dämonischer Kräfte erwecken.

Insbesondere der Charakter des Will Graham (jener FBI-Agent, welcher Dr. Lecter auf der Spur ist) sieht Hannibal in seiner Vorstellungswelt nur selten als Person, sondern vielmehr als einen dämonischen Hirsch, dem kaum noch etwas Menschliches anhaftet. Und je weiter Graham sich auf Dr. Lecter einlässt, umso mehr erscheint er sich selbst in Gestalt dieses Hirsches.

Auch die Toten finden keine Ruhe: Immer wieder werden die Charaktere von Visionen der Opfer heimgesucht, sodass einige Szenen an Filme wie „The Ring“ oder „The Grudge“ erinnern (in Bezug auf tote Kinder mit unnatürlich verrenkten Gliedmaßen). Gerade dann, wenn die Handlung aus der Sicht Grahams stattfindet, verwischen Realität und Vision bzw. Realität und Wahnsinn. Als Zuschauer verliert man schnell das Gefühl, dass hier „nur“ ein Serienkiller am Werk ist – vielmehr glaubt man zunehmend daran, dass es sich bei Hannibal und den wiederkehrenden Toten tatsächlich um Dämonen und Geister handelt. Deshalb halte ich diese Serie auch für weitaus unheimlicher und bedrohlicher als die meisten sogenannten Horror-Filme, in denen man sich nur bedingt vor dem Monster fürchtet. Denn der Horror von „Hannibal“ lebt von dieser Verwischung von Wachzustand und Alptraum, von diesem Übersinnlichen, welches erschreckend stimmig in unsere normale Wirklichkeit eingebettet ist.

Wunderbar anzuschauen ist auch die Figur des Roten Drachen (eines weiteren Serienkillers): Im Buch sowie im Film trägt dieser Charakter ein großes Drachentattoo auf dem Rücken – in der Serie spreizt er tatsächlich seine schwarzen Flügel, während sich ein geschuppter Schwanz über den Boden schlängelt.

Die meisten Morde wiederum sind sehr kreativ und äußerst originell. Da werden Menschen auf Hirschgeweihe gespießt oder lebendig begraben, um als Nährboden für Pilzkulturen zu dienen. Beeindruckend auch der Marterpfahl aus übereinander gesetzten Leichen, deren Arme so ausgestreckt sind, dass das gesamte Gebilde wie eine hinduistische Gottheit wirkt. An Einfallsreichtum hat es den Drehbuchautoren wahrlich nicht gemangelt.

Insgesamt ist diese Serie ein Fest für das vom Morbiden faszinierte Auge. Wahnsinn wohin man blickt, Blut und bizarre Todesrituale allerorten. Unterstützt wird dies alles von einem Soundtrack, der hauptsächlich aus Dark Ambient-Klängen besteht, versehen mit einigen klassischen Stücken. Die Musik wirkt somit nicht aufdringlich, sondern brodelt drohend im Hintergrund. Hinzu kommen die anspruchsvollen Dialoge Dr. Lecters, sodass auch der Intellekt des Betrachters angeregt wird.


Noch ein paar Worte zu Mads Mikkelsen, dem Schauspieler, der Hannibal Lecter verkörpert: Natürlich weiß man zu Serienbeginn, dass man sich umgewöhnen muss – weg von Anthony Hopkins, hin zu Mikkelsen. Das fällt einem am Anfang vielleicht nicht ganz leicht, weil all die Jahre über war Anthony Hopkins Hannibal Lecter. Aber mit dieser Serie ändert sich das irgendwie… Ich würde nicht unbedingt sagen, dass Mads Mikkelsen besser ist, doch sollte jemand dies behaupten, so würde ich ihm nicht widersprechen…

Dieser neue Hannibal ist auf jeden Fall anders. Er ist sehr viel böser und kaltblütiger, und nicht unbedingt sympathisch. Anthony Hopkins hatte immer noch so etwas Ruhiges, beinahe Großväterliches an sich – bei Mads Mikkelsen herrscht nur berechnende Kälte, gepaart mit einem Verhalten gegenüber seinen Mitmenschen, das beinahe schon abstoßend wirkt. Der neue Hannibal ist ein Arschloch, man kann es nicht anders sagen. Das ein oder andere Mal hofft man, dass er endlich gefasst wird, denn er ist ein Monster, von dem man nicht will, dass es frei durch die Welt streift. Und dabei ist dieses Ungeheuer dermaßen über seine Umwelt erhaben, dass wirklich niemand ihm das Wasser reichen kann. Ein wirklich gefährlicher Hannibal Lecter wird hier präsentiert, weitaus bedrohlicher als all die anderen Killer der Filmgeschichte.

 

 

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