„Auf Paderborns verlassenen Straßen“: Black Metal von Infesting Swarm

Ich finde, lokale Dinge sollten unterstützt werden. Nicht unbedingt alles, was im lokalen Bereich geschieht, aber manches davon ist es durchaus wert. So versuche ich z.B. meine Lebensmittel aus regionalem Anbau zu bekommen, soweit dies möglich ist. Und man sollte auch nicht immer gleich alles im Internet bestellen, sondern erstmal die Geschäfte der eigenen Umgebung erkunden – und dort in kleine Läden gehen, inhabergeführt, nicht in die großen Ketten. Aber hier soll es gar nicht um Ernährung gehen oder um den Einzelhandel – ich habe mir nämlich vorgenommen, das Album einer lokalen Band zu rezensieren, was in meinem Fall heißt: Einer Band aus Paderborn.

Infesting Swarm spielen Post-Black Metal. Melancholisch und kraftvoll, irgendwie verzweifelt klingend und doch melodiös. Das bisher einzige Album „Desolation Road“ steckt voller Schmerz und Einsamkeit, beinhaltend Wut und emotionsgeladene Depression. Dabei geht es teilweise sehr ruhig zu, doch spürt man stets eine brodelnde Energie, die hinausgeschrien und -geprügelt werden will.
Die Musik eignet sich nicht unbedingt zum Headbangen, sondern ist eher etwas für den würdevollen Genießer, der seine Kraft in der Ruhe findet. Was nicht heißen soll, dass es zwischendurch nicht trotzdem etwas „heftiger“ zur Sache geht…

„Desolation Road“ betrachte ich größtenteils als Gesamtwerk. Einzelne Stücke habe ich zunächst bewusst nicht herausgehört, da ich es mag, wenn ein Album ganzheitlich klingt, also nicht nur aus einer Aneinanderreihung voneinander getrennter Lieder besteht. Alles muss von vorne bis hinten passen, die Tracks sollten ineinander übergehen, ohne klare Trennwand dazwischen. Dies ist hier der Fall, und von daher konnte ich zunächst auch nicht sagen, welches Lied mir besonders gut gefällt, nachdem ich das gefragt worden bin…

Mittlerweile habe ich mir die Platte oft genug angehört, und ich denke, das stärkste Stück ist „Desperation“. Ich habe jetzt nicht auf die Laufzeit geguckt, aber es scheint mir, als sei dies auch der längste Titel des Albums. Bestehend aus Höhen und Tiefen, sehr abwechslungsreich und vor Kraft nur so strotzend. Besonders markant sind die ruhigen und langsamen Stellen, in denen man denkt, es sei gleich vorbei, bis dann das Gewitter losbricht und nochmal alles rausgeholt wird, was möglich ist. Großartiger Song!

Für ein wenig Irritation sorgte bei mir während der ersten Hördurchgänge „Der Lauf der Zeit“. Das Lied fügt sich nahtlos in den Rest des Albums ein, doch plötzlich merkt man, dass dort auf Deutsch gesungen wird. Und über das eigene Hörvermögen erschrocken fragt man sich: „Singt der schon die ganze Zeit auf Deutsch, und ich merke es erst jetzt?!“ Aber nein, die anderen Lieder sind auf Englisch, also hat man da nichts überhört…

Da kommt auch ein kleiner Kritikpunkt meinerseits auf, der sich aber nicht speziell auf Infesting Swarm bezieht, sondern auf Musik allgemein: Ich finde es nämlich häufig sehr schade, wenn Bands auf Englisch singen, statt in ihrer Muttersprache (außer es sind Engländer, Amis etc.). Englisch ist für mich zu so einer Art „kommerzieller Massensprache“ geworden, was in Bezug auf Kommunikation absolut sinnvoll ist (ohne eine Weltsprache würden wir manchmal ziemlich dumm dastehen), aber in der Musik mag ich es nicht besonders. Das Benutzen der eigenen Sprache hat viel mehr Charakter, und lässt eine Band auch weitaus individueller erscheinen. Auf Englisch singt irgendwie jeder, das Besondere geht dadurch verloren… Der Nachteil besteht natürlich darin, dass nicht-englische Texte von den meisten nicht verstanden werden (auch von mir nicht), wenn man die jeweilige Sprache nicht beherrscht. Ein Nachteil, den ich aber gerne in Kauf nehme, wenn die Musik dadurch an Charakter gewinnt.
Beispielsweise habe ich mir mal das Album einer russischen Band namens Tvangeste gekauft, und mich auf Black Metal mit russischem Gesang gefreut – und wie enttäuscht war ich, als ich feststellen musste, dass die auch „nur“ auf Englisch singen…

Wie dem auch sei – an der rein musikalischen Qualität ändert die englische Sprache natürlich nichts, und Infesting Swarm wirken alles andere als charakterschwach. Und mein Lob gilt natürlich auch der Tatsache, dass sämtliche Texte im Booklet abgedruckt sind, denn ich hasse es, wenn CDs ohne ordentliches Beiheft daherkommen… Passend zur Musik ist dieses Booklet sehr dunkel gestaltet, die verschwommenen Hintergrundbilder sprechen von jener Einsamkeit, die auch in den Liedern vorhanden ist. Rein optisch passt also alles.

Noch ein paar Worte zum Post-Black Metal, oder auch „Black Metal der dritten Generation“: So atmosphärisch diese Musik auch ist, und es gibt einige wundervolle Bands in diesem Bereich, so fehlt mir dort doch meistens dieses „typisch Nordische“: Dieser kalte, böse Sound, dieses Hässliche und Rohe. Post-BM ist kein „A Blaze in the Northern Sky“, kein „De Mysteriis dom Sathanas“, kein „Black Metal ist Krieg“. Er ist ruhig und melancholisch, teils wunderschön und atmosphärisch, aber irgendwie fehlt mir da immer etwas – irgendwas Dunkles, Finsteres, Böses…

Aber in ihrem Genre sind Infesting Swarm Oberliga. Es gibt halt auch Post-BM-Bands, die mir sehr gefallen, und diese Jungs gehören absolut dazu.  Auch live kann man sich nicht beklagen – die kraftvolle Atmosphäre des Albums, diese dunkle Engerie,  findet ebenso auf der Bühnendarbietung ihren Einzug. Beim Konzert wie auch zuhause im CD-Player großartig, was man nicht von jeder Band behaupten kann (immer schade, wenn jemand nur auf CD oder live gut ist).

Wer also von melancholisch-brodelnden Gefühlswellen überrollt werden will, ist bei dieser Band, meiner Meinung nach, richtig. Wer Black Metal mag, der ohne langanhaltendes Geknüppel intensive, akustische Ausbrüche hervorbringt, ebenso. Eine gute Band, mit einem atmosphärisch sehr dichtem Album.

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