TraumaLyrik II: Baudelaires „Der Albatros“

Ich erachte den Black Metal als eine der erhabensten Formen der Musik. Wie aber sieht das mit der Erhabenheit aus, wenn man sich mit dem profanen Alltag auseinandersetzen muss? Mit dem Job, den Einkäufen und nervigen Autoreparaturen? Wenn man sich in der „gewöhnlichen Welt“ bewegt, abseits von Erhabenheit, dunkler Romantik und ergreifender Kunst?

Wie reagiert man auf Menschen, deren Kunstverständnis sich von dem eigenen unterscheidet? Menschen, die „einfacher gestrickt“ sind, und die anspruchsvoller Kunst befremdlich, wenn nicht gar ablehnend gegenüberstehen (weil viele setzen anspruchsvoll mit langweilig gleich)? Die erhabenes/elitäres Verhalten als lächerlich empfinden? Nimmt man sich dann selbst ein wenig zurück und verhält sich „normaler“? Oder greift man zu Abwehrmaßnahmen, wie beispielsweise Arroganz?

Es kann ja schon schwierig sein, sich unter „normalen“ Metallern zu bewegen – Black Metal benötigt Ruhe und Abgeschiedenheit, er ist etwas vollkommen Individuelles, aber auf Partys? Wenn die Leute nur saufen und headbangen wollen? Bleibt da noch Platz für Erhabenheit?

Soll man sich abkapseln, sich vollkommen zurückziehen? Aber irgendeinen Anschluss sucht man ja trotzdem… Im privaten und individuellen Bereich kann man verächtlich auf andere herabblicken, aber im Alltag? Man kann durch die Stadt gehen und sich im Vergleich mit all den Massenmenschen als irgendetwas „Höheres“ sehen, aber wenn man mit diesen Menschen interagieren muss? Soll man sich dann eingebildet und arrogant verhalten? Und wird man nicht in dem Moment, indem man sich auf andere einlässt, auf deren Niveau herabgezogen, und sei es auch nur ein kleines bisschen?

Man kann sich als Schriftsteller, oder auf der Bühne, oder bei Facebook, wer weiß wie toll gebaren und fühlen, doch fühlt und verhält man sich immer noch so, wenn man im Supermarkt an der Kasse steht? Oder dem Klempner zusieht, wie er die Spüle repariert? Kann man dann einen elitären/anspruchsvollen Habitus noch aufrecht erhalten?

Es verhält sich häufig so, dass Individuen, die Black Metal hören, sich im Vergleich zu z.B. Radiohörern oder Schlager-Fans als etwas Besseres sehen. Andere Metaller empfinden das oft ebenso, diese Einstellung ist auf keinen Fall nur BM-spezifisch. Ich habe schon Aussagen gehört (von jemandem, der eher auf Thrash Metal steht), dass er sich aufgrund seines Musikgeschmacks in einer Kneipe voller Nicht-Metaller durchaus erhaben fühlt. Ein anderer hat mal auf einer Uni-Party verständnislos den Kopf darüber geschüttelt, dass die meisten Menschen sich von so simpler Musik (es lief irgendein Elektro-Pop) begeistern lassen. Dass sie einfach nicht erkennen, um wieviel bedeutsamer doch der Black Metal ist.

Als Künstler und als Kunstliebhaber fühlt man sich häufig elitär gegenüber denen, die ausschließlich den profanen Dingen zugänglich sind. Also elitär gegenüber der Masse und dem Mainstream. Das ist vermutlich schon immer so gewesen, und ob man es als etwas Negatives bewerten soll, weiß ich nicht. Ich glaube nicht. Eigentlich wollte ich auch nur ein paar einleitende Worte zu dem Gedicht von Charles Baudelaire schreiben, welches ich hier präsentieren will. Denn in diesem geht es genau darum: Der Künstler sieht sich als erhaben gegenüber der Masse an, doch wenn er gezwungen ist, zu ihr herabzusteigen, dann fällt es ihm schwer, seine Erhabenheit aufrecht zu erhalten.

 

„Der Albatros“
von Charles Baudelaire

Oft kommt es vor, dass, um sich zu vergnügen,
das Schiffsvolk einen Albatros ergreift,
den großen Vogel, der in lässigen Flügen
dem Schiffe folgt, das durch die Wogen streift.

Doch, – kaum gefangen in des Fahrzeugs Engen
der stolze König in der Lüfte Reich,
lässt traurig seine mächtigen Flügel hängen,
die, ungeschickten, langen Rudern gleich,

nun matt und jämmerlich am Boden schleifen.
Wie ist der stolze Vogel nun so zahm!
Sie necken ihn mit ihren Tabakspfeifen,
verspotten seinen Gang, der schwach und lahm.

Der Dichter gleicht dem Wolkenfürsten droben,
er lacht des Schützen hoch im Sturmeswehn;
doch unten in des Volkes frechem Toben
verhindern mächtige Flügel ihn am Gehn.

 

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