„Eine kleine Nachtmusik“ – Black Metal und Klassik

Die Idee zu diesem Artikel kam mir, als ich vor kurzem eine Black Metal-Fassung von Bedřich Smetanas „Die Moldau“ entdeckte. Da fiel mir wieder mal auf, wie gut klassische Musik und Schwarzmetall doch zusammenpassen. Ich weiß, die Verbindung von Metal und Klassik ist nichts Neues, und die meisten werden wohl genügend Bands kennen, welche diese Mischung zelebrieren. Hier soll es aber um meine Gedanken zum Black Metal gehen.

Besagte Fassung stammt von der tschechischen Band Cult of Fire und trägt daher auch den Originaltitel „Vltava“. Gespielt wird nicht das ganze Stück Smetanas, sondern nur der Anfang und die bekannte Hauptmelodie, die aber  auch wirklich schön ist.

Auch andere Bands bedienen sich solcher Kompositionen:

Eine Anmerkung vorweg: Mir ist klar, dass nicht alle hier erwähnten Komponisten klassische Musik geschrieben haben. Beethoven beispielsweise gehörte der Romantik an, andere wiederum dem Barock oder der Moderne. Um es einfach zu halten, bleibe ich beim umgangssprachlichen Begriff der Klassik.

Wie kommt es also, dass viele Anhänger des Black Metal (und auch normale Metaller) gleichzeitig Fans der Klassik sind? Ein Kumpel von mir meinte mal, dass klassische Musik und Metal dieselben Strukturen aufweisen – dies ist mit Sicherheit ein Grund, aber für Musiktheorie hege ich kein großes Interesse.

Was ich aber sehe, sind andere Gemeinsamkeiten: So enthalten etwa beide Stilrichtungen gewisse romantische Vorstellungen bezüglich der Natur. In der Klassik auf alle Erscheinungsformen und Jahreszeiten bezogen, im Black Metal eher dunkel und winterlich geprägt: Nordische Wälder, verschneite Berge, unheimliche Seen. Häufig melancholisch dargestellt, mit einer gewissen Sehnsucht nach Stille und Abgeschiedenheit. Eine Naturverbundenheit, die auch in der Klassik zu finden ist (so etwa in Tschaikowskys „Tannenwald im Winter“ oder in Edvard Griegs „Letzter Frühling“).

Apropos Grieg – ein irgendwie „blackmetallischer“ Komponist, der passenderweise aus Norwegen stammt, und dessen Stücke eigentlich alles enthalten, was zum Schwarzmetall dazugehört: Einsamkeit (z.B. „Der einsame Wanderer“), Mythologie (z.B. „In der Halle des Bergkönigs“) und die schon genannte Naturverbundenheit. Was fehlt – wie bei allen klassischen Stücken – ist die Aggression. Brutalität, Hässlichkeit und Zerstörungswut sind allein dem Black Metal vorenthalten, bei den klassischen und romantischen Komponisten finden sie keine Verwendung.

Eine gewisse Bedrohung ist allerdings auch bei diesen vorhanden: Mussorgskys „Nacht auf dem kahlen Berge“ klingt nicht gerade friedlich und berichtet zudem von einem Treffen der Hexen zum Sabbat. Düster und bedrohlich kommt auch der „Tanz der Ritter“ von Prokofiev daher, ebenso Liszts „Totentanz“.

Mythologisch bedient sich die Klassik in erster Linie in Griechenland, aber auch Folklore aus den Heimatländern der jeweiligen Komponisten wird aufgegriffen (Edvard Grieg komponierte über Trolle und Elfen, Antonín Dvořák über Hexen und Kobolde, Wagner über die Nibelungen). Viel nordische Mythologie ist vor allem in den Stücken der Romantik enthalten, und selbiges gilt ja auch für den Black Metal (sowie den Pagan und Viking Metal).

Im Grunde  genommen ist der Black Metal eine Art Fortsetzung der Klassik (oder eher der Romantik), nur in weitaus aggressiverem Gewand. Diese Aggressivität führt zu einer scharfen Abgrenzung gegenüber Außenstehenden, lässt ihn dadurch viel persönlicher, ich-bezogener und elitärer erscheinen.

Elitär war womöglich auch die Klassik – eine eher dem Adel vorbehaltene Musik, nicht unbedingt das, was man auf dem Markt oder in Gasthäusern gespielt hat. Demnach fand auch dort eine Abgrenzung statt, wenn auch aus einem anderen Verständnis heraus – wer adelig geboren war, der gab sich nicht mit dem gemeinen Pöbel ab. Black Metaller sind nicht von adeliger Abstammung (wobei es vielleicht Ausnahmen gibt?), sie müssen sich ihren elitären Habitus selbst erarbeiten, so sie ihn denn haben wollen.


Ein ganz großes Werk der düsteren Klassik bildet Mozarts „Requiem“. Diese Totenmesse verdient wie kaum etwas anderes die Adjektive episch, dunkel und erhaben. Schwere Musik, die voller Emotion auf den Tod hinarbeitet. Es gibt dazu eine schöne Legende: Mozart komponierte die Messe auf seinem Totenbett, und tatsächlich wurde es sein letztes Werk. Es war – so wie seine anderen Kompositionen auch – eine Auftragsarbeit. Jedoch wusste niemand zu sagen, für wen er dieses Requiem schrieb; er selbst sprach von einem fremden Mann, welcher ihm den Auftrag erteilt hatte. Da aber nur er diesen Fremden gesehen hatte, kam bald das Gerücht auf, der Tod sei ihm persönlich erschienen, und die Messe sei für ihn selbst. Heutzutage weiß man glaube ich, wer den Auftrag gab, aber ich finde, dieser Mythos verleiht dem Werk noch ein zusätzliches, übernatürliches Pathos.

Kommen wir nun zur beliebtesten mythologischen Figur des Black Metals, namentlich Satan.
Auch in der Klassik ist dieser vertreten, ob in literarischer Form (der „Mephisto-Walzer“ von Franz Liszt) oder als Legende (Nicolo Paganini verkaufte dem Teufel angeblich seine Seele, um sein Geigenspiel zu meistern). Im „Freischütz“ von Carl Maria übergibt der Teufel dem Protagonisten sieben Gewehrkugeln, von denen sechs das gewünschte Ziel des Schützen treffen, die siebte aber vom Teufel gelenkt wird – und natürlich die Geliebte des Schützen erwischt.

Selbstverständlich taucht Satan in der Klassik aus einer pro-christlichen Sichtweise heraus auf, eine Teufelsverehrung findet nicht statt.  Dennoch treibt er sein Unwesen in den Kompositionen, und auch seine Dienerinnen, die Hexen, sind vertreten: „Die Hütte der Baba Yaga“ habe ich erwähnt. Baba Yaga ist eine Figur aus dem slawischen Raum, die in einem Kessel durch die Lüfte fliegt und Kinder frisst. Neben anderen hat auch der russische Komponist Anatoli Lyadov ihr eines seiner Stücke gewidmet. Die „Mittagsfrau“, eine ebenfalls osteuropäische Hexengestalt, welche ihre Opfer gerne enthauptet, taucht in den Werken von Antonín Dvořák auf. Einen „Hexentanz“  können wir bei dem amerikanischen Komponisten Edward MacDowell belauschen.

Ich weiß gar nicht, ob im Black Metal das Thema „Hexen“ großartig behandelt wird. Sicherlich gibt es Lieder über weibliche Figuren, die mit Hexen assoziiert werden (allen voran Lilith), aber als wirkliche Referenz zu dem Thema fällt mir auf Anhieb nur das Demo einer Band namens Häxenzijrkell ein. Wäre aber mal interessant, mehr darüber zu recherchieren…


Ja, Black Metal und Klassik. Wieso? Weil beides große, dunkle Gefühle weckt? Weil beides unheimlich sein kann? Weil es um Naturverbundenheit und Einsamkeit geht? Um Abgrenzung und elitäre Ansprüche? Bezeichnenderweise sind es in vielen Romanen und Filmen gerade die Bösewichte, welche klassische Musik hören (nachdem ich „Hannibal“ von Thomas Harris gelesen hatte, musste ich sogleich los eilen, um mir die „Goldbergvariationen“ von Bach zu besorgen, da Dr. Lecter diese unablässig hört). Wieso gesteht man ausgerechnet den Schurken einen solchen Geschmack zu? Weil sie meist die klügeren und anspruchsvolleren Figuren sind? Weil sie diejenigen mit den Plänen sind, mit dem Drang nach höheren Zielen? Weil der Böse häufig der Außenseiter ist, der sich von der gemeinen Masse abhebt? Passen anspruchsvolle Musik und Dunkelheit also gut zusammen?

Der Philosoph Jochen Kirchhoff schreibt in seinem Buch „Klang und Verwandlung“ über ganzheitliche Musik. Seiner Meinung nach ist dies eine Form der Musik, welche alle Aspekte des Menschseins erfasst und alle Chakren (Energiezentren des Körpers, nach der indischen Lehre) aktiviert. Die Klassik bzw. Romantik soll genau dies bewirken. Sie ermöglicht – so Kirchhoff – eine „Verwandlung nach oben“. Im zunächst vermeintlichen Gegensatz dazu steht die „Verwandlung nach unten“:

„Verwandlung nach unten: Das ist die ‚rohe‘, individualitätsfeindliche und verschlingende Natur. Sie macht den Menschen zum Tier, ruft ihn zurück in Regionen, denen er sich einst entwand, als sein Selbst erwachte. Die so verstandene Natur enthält alle grausamen, unbewussten dunklen Strebungen, enthält den dämonischen Aspekt des Großen Weiblichen, der Urmutter.“

Vermutlich hat der gute Mann noch nie davon gehört, aber ich würde beinahe sagen, dass dies eine gute Beschreibung des Black Metals ist. Nur das „individualitätsfeindliche“ stört mich, denn Black Metal ist ja geradezu eine Förderung der Individualität, durch Abgrenzung zur Masse. Aber es geht noch weiter:

„Die Höhe bedarf der Tiefe; die Entfaltung der oberen Chakras setzt die lebendige Integration der unteren voraus. Der Lotos entfaltet sich in sumpfiger Feuchte, und wir brauchen die natürlichen Wurzeln unserer Existenz mit jedem Wimpernschlag.“

Es geht in diesem Buch zwar um klassische Musik, aber diese beiden Zitate enthalten meiner Meinung nach die Essenz des Black Metals: Die Beschäftigung mit dem Dunklen, Unbewussten, Dämonischen in einem selbst (hervorgerufen durch den brutalen und hässlichen Klang des BM), welche einen jedoch dann in die höheren Gefilde des eigenen Ichs führt (hervorgerufen durch die wirklich erhabenen Stücke des BM).

Das Erforschen der Dunkelheit führt letztendlich zum Licht, und zwar auf eine intensivere Weise, als die „einfache“ Suche nach Licht. Denn ohne Finsternis gäbe es nichts Helles, da die Finsternis zuerst da war. Und so entfaltet sich auch der Black Metal: Tiefste Schwärze zu Beginn, aber Erleuchtung auf seinem Höhepunkt. Passend dazu möchte ich noch zum Abschluss Friedrich Nietzsche zitieren, einen Philosophen, der auch in vielen BM-Texten Erwähnung findet:

„Aber es ist mit dem Menschen wie mit dem Baume. Je mehr er hinauf in die Höhe und Helle will, um so stärker streben seine Wurzeln erdwärts, abwärts, in’s Dunkle, Tiefe, ins Böse.“

 

 

7 Kommentare zu „„Eine kleine Nachtmusik“ – Black Metal und Klassik

  1. Sehr interessanter Blog, sehr interessante(r) Artikel! Mich erstaunt, dass hier kaum Kommentare zu finden sind. Ein paar Gedanken und Ergänzungen würde ich jedoch gerne zu diesem Artikel loswerden.

    Beginnen möchte ich mit dem wohl „schwarzmetallischsten“ Klassikwerk, das ich kenne – und das hier keine Erwähnung findet: „Le sacre du printemps“ von Igor Stravinsky (auch wenn es genaugenommen der sogenannten „Neuen Musik“ angehört und „erst“ ein bisschen mehr als hundert Jahre auf dem Buckel hat, aber Prokofiev wurde ja auch erwähnt). Dieses Stück trumpft nicht nur mit einer außergewöhnlichen Komplexität auf, sondern ist für klassische Verhältnisse extrem aggressiv und disharmonisch. Im Gegensatz zu den intensivsten (schwarzmetallischsten?) Werken von beispielsweise Prokofiev kommt bei der Schöpfung von Stravinsky allerdings kein Kitsch auf, der die Musik stellenweise in ein – für mich – humoristisches oder zumindest nicht ernstzunehmendes Licht rücken könnte. Vielleicht rührt meine Begeisterung daher, da ich diese Musik seit meiner Kindheit kenne (dank Walt Disneys „Fantasia“) und schon unzählige Male in voller Laustärke genossen habe. Hier eine gelungene Aufnahme von „Die Frühlingsweihe“: https://www.youtube.com/watch?v=FFPjFjUonX8

    Und um deine Recherche bezüglich „Hexenthematik im Black Metal“ zu erleichtern: Nehemah haben ihr Debüt „Light Of A Dead Star“ mit der Widmung „… is dedicated to the memory of the witches of the past and to those which still remain today“ versehen. Außerdem behandelt „The Damned“ von Morrigan unter anderem die Hexenprozesse. Auch Darkwoods My Betrothed besingen diese Thematik auf ihrem letzten Album „Witch-Hunts“. Alle drei Alben sind im Übrigen sehr hörenswert. 😉

    Mein letzter Gedanke, den ich loswerden möchte, bezieht sich auf den im Schwarzmetall scheinbar omnipräsenten Elitarismus. Nach meinem Verständnis wiederspricht sich diese im BM gehuldigte Form des Elitarismus mit dem meist im gleichen Satz erwähnten Individualismus. Oder ist damit quasi die Elite der Individualisten gemeint? Ich möchte das wirklich gerne verstehen, denn bislang kam ich einfach nicht dahinter und man hat mir das nicht logisch oder verständlich erklären können. Vielleicht ist dieser Blog ja eine Plattform, die für Aufklärung sorgt. Jedenfalls verfolge ich zwar (genauso) das Ziel, mich irgendwann gänzlich von der Masse zu lösen – nicht: gegen den Strom zu schwimmen (man beachte den Unterschied!) –, doch die Zugehörigkeit zu irgendeiner Elite lehne ich strikt ab. Chauvinismus ist ohnehin zum Kotzen, mit ihren Verstehern, die meinen, irgendeine Weisheit mit dem Silberlöffel gefressen zu haben, es sich dabei aber im Grunde um jämmerliche Witzfiguren mit rostigem Besteck handelt, die mit ihrem Gehabe ihre eigenen Unzulänglichkeiten zu überspielen versuchen. Gestalten von diesem Schlag kenne ich zuhauf. Wozu soll eine solche Elite überhaupt gut sein? Um sich als Gruppe der selbstbetitelten Übermenschen gemeinsam auf Konzerten besaufen und über irgendwelche „untruen“ Erscheinungen amüsieren zu können? Das hat wirklich nichts mit „elitär“ zu tun, schon gar nicht mit dem Elitarismus in der Klassik (der ohnehin gleichermaßen zu hinterfragen ist). Und genau dieser pseudo-elitären Art, so scheint mir, kommen die meisten Black-Metal-Fans nach. Hiermit meine ich aber nicht nur etwa das Publikum, sondern vor allem Bands, die auf ihren Bandfotos und auf der Bühne ein Gepose an den Tag legen, bei dem es mich nicht wundert, dass Black Metal von vielen als Kunst nicht ernstgenommen wird und werden kann – selbst wenn die Musik an sich überragend, erhaben oder was auch immer sein kann. Witzigerweise versuchen die meisten „nicht-elitären Szenenangehörigen“ sich solchen Gruppierungen anzuschließen. Hier möchte ich mich auch gar nicht ausnehmen, anfangs dachte ich genauso, das gehörte dazu. Heute finde ich es nur noch traurig, dass viele diesem Getue (insgeheim) frönen, aber es leugnen, verneinen oder sogar kritisieren, wenn man mit ihnen darüber spricht. Der Schwarzmetall hinterfragt so vieles, angefangen von Religion über die Gesellschaft bis hin zu übergeordneten existenziellen Dingen. Warum aber kaum sich selbst? Und nein, irgendwelche bescheuerten Spaß-Projekte, die das ohnehin fragwürdige Bild weiter verunstalten, zeugen nicht davon, dies ernsthaft zu hinterfragen. Da ich ein ganzes Buch zu diesem Thema verfassen könnte – und ohnehin schon mehr geschrieben habe als ich eigentlich wollte –, lasse ich diese Worte erst einmal im Raum stehen. Vielleicht ergibt sich ja eine Diskussion.

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  2. Dekadenz sei gegrüßt,

    erstmal vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar sowie die „Hexen“- und Stravinsky-Empfehlungen! Es freut mich auch, dass Du mehr geschrieben hast, als Du eigentlich wolltest, weil das zeugt ja von Gedankenvielfalt Deinerseits und von der Fähigkeit zur Inspiration von Seiten meines Blogs! 😉

    Zum Thema „Elitarismus“, welches wirklich einiges an Gesprächsstoff liefert: Ich persönlich fühle mich keiner (elitären) Gruppe zugehörig, dafür bin ich einfach zu einzelgängerisch. Ich halte aber den Black Metal für elitär.
    Weil: Es ist anspruchsvolle Musik, erhabener als die meisten anderen Spielarten und nur für einige wenige wirklich zugänglich. Leider treffen diese Eigenschaften nicht auf jede Form des Black Metals zu – aber so sieht mein Ideal aus.
    Schwarzmetall sollte nicht massenkompatibel sein, und ist für mich keine Musik, die zu Partys oder Saufgelagen passt. Es ist viel eher Musik für einen kleinen Kreis oder den Einzelnen.

    Ich selber halte nicht alle Schwarzmetaller für Übermenschen und alle anderen für minderwertig – es ist eher so, dass ich Black Metal für „Übermusik“ halte, und alle anderen Genres für etwas tiefer Stehendes (es mag Ausnahmen geben).
    Ich kann durchaus sagen, dass meine Musik besser ist als andere Musikarten – das bedeutet nicht, dass ich besser bin als andere Menschen.

    Man ist durch elitäre – oder besser: erhabene – Musik schnell dazu verleitet, sich selbst elitär/erhaben zu fühlen. Das hat Musik so an sich – sie beeinflusst die eigene Gefühlswelt. Und wenn Musik elitär ist, dann fühlt man sich ebenfalls so.

    Zu einem anderen Punkt, den Du angesprochen hast: Nämlich, dass der Black Metal sich selbst kaum hinterfragt.

    Ich hoffe und glaube, dass ich in einigen meiner Artikeln genau dies getan habe – den Black Metal zu hinterfragen. Denn ich finde, dass man als Anhänger von egal welcher Sache, auch zugleich Kritiker sein muss. Denn mit der Hinterfragung von Dingen, die einem viel bedeuten, hinterfragt man gleichzeitig sich selbst; und dies ist ein wichtiger Schritt zu persönlichem, geistigem Wachstums.
    Ich stimme Dir zu, dass „Spaß-Projekte“ dabei nicht sonderlich hilfreich sind. Man sollte sich ernsthaft mit seiner Musik und Leidenschaft auseinandersetzen, statt sich darüber lustig zu machen. Respektlosigkeit gegenüber den eigenen Empfindungen zeugt eher von geistiger Schwäche; man ist nicht wirklich zu einer Selbstanalyse fähig und zieht deshalb alles ins Lächerliche. Dabei kann man schnell das eigentliche Ziele – das persönliche Wachstum – aus den Augen verlieren.

    Ich glaube – um wieder auf das Elitäre zu sprechen zu kommen – dass die meisten Menschen nichts für eine persönliche Weiterentwicklung tun. Und vielleicht sind die wenigen, die nach Höherem streben, genau deshalb elitär. Das hat nicht unbedingt etwas mit Black Metal zu tun, aber gerade weil Black Metal so erhaben ist, spornt er dazu an, über sich selbst hinaus zu wachsen und höhere geistige sowie spirituelle Ziele anzustreben. Zumindest ergeht es mir so.

    Wenn ich mich selbst irgendeiner Elite zuordnen müsste, dann wohl derjenigen, welche spirituell wachsen will. Black Metal hilft mir dabei.

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  3. Grüß dich (von Schädel),

    danke für deine rasche und ausführliche Antwort. Ich hoffe, du weißt mit meinen Empfehlungen etwas anzufangen. Jedenfalls bin ich froh um deine eingehende Antwort, da ich so meine etwas ziellos formulierte Anklage richtigstellen kann, denn: Sie galt weder dir noch deinem Blog, sondern der Szene im Allgemeinen. Nicht umsonst schrieb ich „kaum“. Gerade eben, weil ich das Gefühl habe, dass du dich recht kritisch damit auseinandersetzt, habe ich einen Kommentar hinterlassen. Außerdem bin ich in einigen Punkten absolut bei dir, denn sie entsprechen auch meinen Idealen. Mitunter meine ich damit – auch wenn ich mich womöglich wiederhole: Black Metal ist anspruchsvolle Musik, sollte (darf) nicht massenkompatibel (poppig?) ausgerichtet sein und ist sicherlich nicht für Partys oder Saufgelage geeignet; diese Kunst beeinflusst, wenn man sich darauf einlässt, zwangsläufig die Gefühlswelt (auch wenn sich das bei mir etwas anders gestaltet als bei dir, aber dazu komme ich gleich noch zurück); man muss (sollte) als Anhänger einer Sache auch ihr Kritiker sein; die meisten Menschen tun nichts, um sich selbst weiterentwickeln zu können; Schwarzmetall ist eine Kunstform, die erhaben sein kann.

    Um gleich an letzteren Punkt anzuknüpfen: Black Metal kann Erhabenheit bedeuten, ja – wobei das nur für verhältnismäßig wenige Alben oder Songs gilt, schaut man sich an, was alles in dieser Schublade liegt, wie du bereits angedeutet hast (aber das ist ein anderes Thema). Mit „elitär“ tue ich mir aber dennoch schwer, da ich mit diesem Wort zwangsläufig, automatisch und per Definition eine chauvinistische Gruppe verbinde. Kann man denn alleine für sich überhaupt elitär sein (wenn man sich mit „elitärer“ Musik identifiziert)? Oder ist man in diesem Fall nicht einfach (auf die Masse bezogen) individuell, exzentrisch oder verschroben? Verstehst du, was ich meine? Dass es jedenfalls solche Gruppen zuhauf gibt, ist Fakt. Beinahe auf jedem Konzert kann man deren Vertreter beobachten, denn sie sind schnell entlarvt, da sie meist ihren Chauvinismus in Form von Arroganz – selbst und vor allem unter ihresgleichen – zum Ausdruck bringen. Banal ausgedrückt hat das zum Beispiel aber nichts damit zu tun, ob, wie viele und welche Patches man auf seiner Jacke zur Schau stellt, sondern rein damit, wie man sich (unter „seinesgleichen“) verhält, gibt und präsentiert. Wie im meinem ersten Kommentar geschrieben: Vor einer Weile dachte ich ähnlich, bis ich das gründlich zu hinterfragen begann. Noch heute lastet mir das gewissermaßen nach; es ist gar nicht so einfach, das alles hinter sich zu lassen wie es anzunehmen. Keineswegs macht mich das aber zu einem noch elitäreren, individuelleren oder anderweitig besseren oder erhabeneren Menschen. Am liebsten ist es mir, das neutral/nüchtern zu betrachten. Und bezogen auf folgenden Punkt bin ich nämlich nicht deiner Meinung: Zwar kann Schwarzmetall erhaben sein, aber darum werde ich als intensiver Hörer nicht selbst zu einem erhabeneren Individuum. Im Gegenteil, denn ich werde ehrfürchtig, ja, sogar nichtig und kann nur über die mir dargebotene Tiefe und Finsternis staunen. Man kann versuchen, es zu beschreiben, seine Meinung kundzutun oder als Musiker seinen Beitrag zu leisten, aber ich bin der festen Überzeugung, dass man es nicht gänzlich verstehen kann, schon alleine darum nicht, da man Musik (also im Grunde: Schallwellen) als einzige Kunstform nicht greifen oder beispielsweise länger aus einem bestimmten Winkel betrachten kann, um sie letztendlich auch ganzheitlich zu erfassen (ich weiß, diese Aussage könnte jetzt eine Grundsatzdiskussion darüber auslösen, ob man beispielsweise Filme oder vorgetragene Worte greifen kann, aber das war nicht meine Intention).

    Mir ist klar, was du mit „nach Höherem streben“ meinst und warum man sich hierbei so fühlen könnte, als würde man elitär sein – um es mal provokativ zu relativieren. Aber was heißt das denn genaugenommen? Dass man sich mit der Masse vergleicht und sie als Maßstab verwendet? Oder dass man sich an sich selbst misst? Irgendeinen Bezugspunkt muss es ja geben. Wenn man dieses Streben an sich selbst misst, gibt es rein logisch gesehen keinen Grund, sich elitär zu fühlen, denn man kann ja keine Auslese von sich selbst sein. Wenn man die Masse als Vergleich nimmt, hat man sich nicht gänzlich von ihr loslösen können, sondern schaut sich immer wieder um – also befindet man sich noch mittendrinnen, selbst wenn man angehalten hat oder rebellisch gegen den Strom schwimmt. Ich hoffe, ich konnte meine Gedanken einigermaßen anschaulich darstellen.

    Des Weiteren habe ich aus persönlichen Gründen auch Probleme mit den Begriffen „Spiritualität“, „Seele“ und dergleichen. Aber das ist wiederum ein anderes Thema – und mittlerweile ist es spät geworden.

    Jedenfalls freue ich mich auf deine Gedanken hierzu.

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  4. Keine Sorge, Dekadenz, ich habe Deine kritischen Aussagen nicht auf mich oder meinen Blog bezogen, alles gut! 🙂

    Beim Formulieren meiner Antwort zu Deinem Kommentar habe ich mich in der Tat schwer getan mit dem Wort „elitär“. Und im Grunde genommen habe ich mir dieselbe Frage gestellt wie Du: „Kann man denn alleine für sich überhaupt elitär sein?“
    Also muss ich mal dieses Wort hinterfragen.;-) Womöglich verbinde ich mit Elitarismus ebenfalls eine Gruppe, die sich als etwas Besseres betrachtet als andere Gruppen. Ob ein einzelner Mensch daher elitär sein kann – ohne Gruppenzugehörigkeit – ist fraglich. Deine Begriffe „individuell“, „exzentrisch“ und – besonders schön – „verschroben“ scheinen mir da besser zu passen. Wer elitär ist, gehört einer Elite an, aber worin besteht die Elite im Black Metal? Was braucht man, um dazu zu gehören? Muss man Shirts gewisser Bands tragen? Hat man gewisse Verhaltensregeln zu beachten?
    Ich kenne da auch ein paar Gestalten, die gerne arrogant und elitär auftreten und dann aber vor allem durch Rüpelhaftigkeit auffallen, indem sie z.B. auf Veranstaltungen andere Besucher grob angehen oder anrempeln, wenn diese ihnen im Weg stehen. Das hat aber mehr mit Selbstprofilierung zu tun, mit dem selbstgewählten Image des „harten Kerls“ – dies ist kein elitäres Verhalten, den rumpöbeln kann auch der größte Schwachkopf.

    Wenn ich an eine Elite im Schwarzmetall denke, dann stelle ich mir irgendwie eine „geistige Elite“ vor, also anspruchsvolle Menschen mit großem Kunstverständnis. Aber auch hier weiß ich nicht, ob man das Elite nennen kann. Über dieses Wort muss ich auf jeden Fall noch weiter nachdenken, danke für den Anstoß! 😉

    Du hast von Ehrfurcht gesprochen. Ehrfurcht vor dieser Musik, die natürlich erhabener ist als man selbst. Man lässt sich auf diese großartige Macht namens Black Metal ein, wird irgendwie ein Teil von ihr, und selbstverständlich bleibt einem als sterblicher Mensch nichts anders übrig, als darüber zu staunen. Dies gilt nicht nur für den Black Metal, sondern auch für andere Offenbarungen der Kunst.
    Vielleicht wird man durch Black Metal nicht selbst erhaben, aber man wird Teil dieser Erhabenheit, und ich finde, dass die Grenze zwischen „selbst sein“ und „Teil davon sein“ sehr verschwommen ist.

    Was nimmt man als Bezugspunkt/Ausgangspunkt, wenn man nach Höherem strebt? Auch eine sehr gute Frage.
    Vielleicht sich selbst? Also wenn man zurückblickt, wie man vor einigen Jahren gewesen ist und dann seine Weiterentwicklung betrachtet? Hier und da kann man sein geistiges Wachstum aber auch an anderen Menschen abmessen, denn bei dem einen oder anderen merkt man schon, dass er „noch nicht so weit“ ist wie man selbst. Aber in erster Linie würde ich mein jetziges Ich/meine jetzige Persönlichkeit immer mit meinem früheren Ich vergleichen. Wie war ich damals drauf, worin bin ich heute besser geworden, welche Erkenntnisse habe ich mittlerweile gesammelt. Bin ich weiser geworden, klüger, stärker? Ausgeglichener, anspruchsvoller, gelassener? Ich finde, man selbst ist das Maß der eigenen Entwicklung. Sich mit anderen zu vergleichen macht nicht immer Sinn, denn jeder Mensch geht seinen eigenen Weg.

    Dieses Streben ist für mich auf jeden Fall auch etwas Spirituelles. In Ermangelung eines besseren Wortes bezeichne ich mich als spirituellen Menschen. Ich glaube an gewisse Kräfte innerhalb und außerhalb unserer Welt. Ich glaube auch an die Wiedergeburt. Auch gewissen Göttern bin ich zugetan, auch wenn ich Götter nicht als real existierende Wesenheiten betrachte, sondern mehr als Metaphern, die dabei helfen sollen, Dinge zu erklären, die eigentlich nicht erklärt werden können. – Ich plane übrigens, demnächst einen Artikel über mein „Götterbild“ zu verfassen.

    Ich bezeichne mich auch ungern als rationalen Menschen. Klar bin ich das irgendwie, in unserer rationalen Welt muss man das auch sein – aber Emotionen sind mir wichtiger als der Verstand. Gerade auf die Kunst bezogen (und damit auch auf den Black Metal) finde ich, dass logisches Denken eher fehl am Platz ist. Denn Kunst ist Magie, ist etwas Übernatürliches, etwas von jenseits unserer aufgeklärten und wissenschaftlichen Welt – und dieses Kunstverständnis würde ich als spirituell bezeichnen.

    Mir ist klar, dass die meisten meiner Artikel eher verstandesbetont sind, und dass das Nachdenken/Hinterfragen des Black Metals ebenfalls mit dem Verstand geschieht. Ich gehe die ganze Sache schon mehr intellektuell als emotional an. Trotzdem bin ich kein großer Freund von Rationalität und Aufklärung. Das ist irgendein komischer Widerspruch in mir, für den ich selbst noch keine befriedigende Erklärung gefunden habe…

    Wie dem auch sei – danke für Deinen Kommentar, es freut mich immer sehr, wenn jemand sich ähnlich viele Gedanken macht wie ich und diese dann teilt!

    Beste Grüße, Baron v.S.

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  5. Wenn dir meine Kritik am Elitarismus im Allgemeinen und insbesondere im Black Metal willkommen war, dann gerne. 😉

    Ganz stehenlassen kann ich es allerdings noch nicht. Denn: Schon alleine, weil es eben unter anderem jene krampfhaft nach Wahrnehmung/Respekt lechzenden Pöbler gibt und sich diese Gestalten mitunter als Spitze der Elite verstehen, würde es mich vor dem Gedanken grausen, mich selbst als elitär zu bezeichnen und mich somit gewissermaßen mit diesen Selbstprofilierern, die Kunst vorrangig als Mittel zum Zweck nutzen, zu identifizieren – selbst wenn ich ein komplett anderes Verhalten oder weniger primitive Bedürfnisse an den Tag legte und lediglich das Wort „elitär“ eine Verbindung zuließe. Reicht es nicht bereits, dass man sich den Stempel „Schwarzmetaller“ mit ihnen teilen muss? Womöglich gab es genau aus diesem Grund vor ein paar Jahren den Trend, den Black Metal als Szene zu verneinen, obwohl man sich eindeutig darin bewegt. Abgesehen davon ist jede einzelne Subkultur überschwemmt mit entsprechenden Subjekten, was die scheinbare Besonderheit, dass gerade im Black Metal die Elite schlecht hin unterwegs ist, schnell relativiert, auch wenn bis auf das verzweifelte Im-Mittelpunkt-stehen-wollen die grundlegende Philosophie eine völlig andere ist/sein sollte. Mir geht es hiermit aber nicht darum, dass der Schwarzmetall „Friede, Freude, Eierkuchen“ zu repräsentieren hat – das wäre genaugenommen völliger Schwachsinn, denn andernfalls fehlte ihm mitunter die Tiefe, die ihn durch und durch ausmacht (oder es zumindest idealerweise sollte); ich kritisiere „lediglich“ das elitäre Gehabe, das damit einhergehende Gepose und den Gedanken, man sei bei dem ganzen Abschaum, den unsere Gesellschaft darstellt und zu dem wir alle zwangsläufig gehören (auch wenn man das – wie ich – im Grunde nicht wahrhaben will), etwas Besseres.

    Dass man sich selbst am besten als Vergleich dafür nehmen kann, ob man sich weiterentwickelt und immer weiter nach „Höherem“ strebt, hier stimme ich dir voll und ganz zu. Welchen Bezugspunkt hätte man denn sonst? Freunde, die sich – naturgemäß – nicht gänzlich die gleichen Gedanken machen (können), sich für unterschiedliche Dinge interessieren und sich somit in eine andere Richtung weiterentwickeln, wie du schon richtig angedeutet hast? Mir ging es rein darum, ob man diesbezüglich elitär sein kann – rein auf deine folgende Aussage bezogen: „Und vielleicht sind die wenigen, die nach Höherem streben, genau deshalb elitär.“ Sprich: Ohne sich ständig etwa mit der Masse zu vergleichen, wäre es absurd, sich elitär zu fühlen, da man sich (als so denkender Mensch) ohnehin nicht dem Stillstand hingibt.

    Es gibt unbestreitbar unterschiedliche Herangehensweisen, wie man Kunst auffassen und sich darin wiederfinden kann. Du hast einen kleinen Blick in deine Welt offenbart, ich in meine. Auf den Rest will ich an dieser Stelle ehrlich gesagt auch gar nicht eingehen, da mein Nihilismus nicht gänzlich deinen Blog unterwandern soll.

    Danke jedenfalls für die Diskussion. Vielleicht folgen ja noch weitere …

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